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unterwegs in




vom 29. Juli 2001


...in typischen Trachten

umgeben von 6.000-ern

voll zivilisirte Lamas

Puya Raimondi

Pasto Ruri

Eiskletterer

umgeben von 6.000-ern

Hostal Perla de los Andes

Palmen und Eis in Caraz

Blick auf die Cordillera Blanca

Puya Raimondi

Lago Llanganuco

Lagunen und...

...Gletscher

endlich in San Luis

Gletscher...

...auf dem Weg nach oben zur...

...Punta Olimpica

Schon früh um 7.00 schleicht Michi sich aus dem Zimmer und geht zum Wandern. Endlich habe ich mal wieder einen ganzen Tag ganz für mich alleine. Welch eine Wohltat, wenn niemand schon so früh zum Aufbruch drängelt. Ich geniesse die Ruhe und bleibe eine ganze Weile länger im Bett liegen. Nur irgendwann halte auch ich es nicht mehr aus, und es zieht mich hinaus ins Getümmel.
Huaraz selber ist keine schöne Stadt, was wohl überwiegend daran liegt, dass das alte Huaraz 1970 von einem Erdbeben, das in ganz Peru grossen Schaden angerichtet hat, fast ganz zerstört und danach eilig wieder neu aufgebaut wurde.
Seinen Reiz verdankt Huaraz aber eh vielmehr seiner spektakulären geografischen Lage. Es liegt am Rande der beeindruckenden Cordillera Blanca und ist die Bergsteiger- und Trekking-Hauptstadt in Südamerika schlechthin. Um den imposanten, knapp 6.800 m hohen Huascarán reihen sich in dem eigentlich kleinen, nur 200 km langen und 20 km breiten Gebirge etwa 50 schneebedeckte Gipfel, allesamt höher als 5.700 m.
In der Casa de los Guias, wo ich heute frühstücke, herrscht daher auch eine Atmosphäre, dass man die dünne Bergluft fast schon schnuppern kann.
Mich zieht sie aber (noch) nicht wieder hinaus, ich bleibe heute in der Stadt. Gerade rechtzeitig komme ich an die Plaza de Armas, um die Parade zum Nationalfeiertag beobachten zu können. Militär, Schulen und Folklore-Gruppen geben sich die Ehre. Auch die Kleinsten sind schon eifrig mit dabei.
Eine Gelegenheit, die sich auch die düsteren Gestalten der Stadt nicht entgehen lassen können. Denn wie ich so da inmitten des Publikums stehe, will sich doch tatsächlich einer an meinem Rucksack bereichern. Zum Glück bemerke ich es rechtzeitig. Er muss wohl noch etwas üben, denn auch dem nächsten Opfer, das Mädel neben mir, entgeht sein Versuch nicht.
Um den Tag nicht ganz sinnlos verstreichen zu lassen, überwinde ich mich nach diesem Spektakel doch noch dazu, mir die Haare schneiden zu lassen. Das hätte ich mal lieber bleiben gelassen, aktuelle Friseurkunst ist noch nicht bis hierher vorgedrungen. Ich kann mich nur damit trösten, dann mir der nächste Friseurbesuch nun etwas länger erspart bleibt.
Kurz vor Einbruch der Dunkelheit kommt Michi zurück von seinem Ausflug zur Laguna 69, und zusammen gehen wir zum Esssen. Er will in die Pizzeria, die ihm schon Oliver und jetzt auch die Schweizerin Jennie empfohlen haben, und wo er nach Enrique fragen soll. Was auch immer er von ihm will, keine Ahnung.
Es ist uns hier dann aber zu voll und vor allem zu teuer. Wir wechseln das Lokal, landen jedoch in einer ähnlich teuren, anderen Pizzeria. Huaraz ist offenbar ein ziemlich teures Pflaster.

30.07.2001
Für heute haben wir uns nur den Ölwechsel vorgenommen, den wir gleich nach dem Frühstück machen lassen. Michi hatte gestern auf dem Weg aus der Stadt hinaus schon eine Werkstatt entdeckt, wir brauchen also gar nicht mehr lange suchen. Und der Maestro macht sich auch gleich eifrig daran, das Altöl abzulassen. Meines ist angeblich sogar schon zu alt, obwohl es gerade mal gute 5.000 km hinter sich hat. Anyway, jetzt kriegt Violeta ja wieder neues, und vom Feinsten noch dazu. Darüberhinaus gibt es noch einen 'Full Service', eine ordentliche Wäsche. Fast sieht sie danach wieder aus wie neu.
Während Michi anschliessend ins I-Cafe geht, organisiere ich mir über die Agentur Huaraz Condor Tours den Ausflug zum Pasto Ruri, diesem über 5.000 m hohen Schneefeld, an dem wir vorbeigefahren waren. Die Höhlen kann ich mir doch nicht so einfach entgehen lassen. Morgen werde ich mir die anschauen können.
Für einen grösseren Ausflug ist es jetzt am Nachmittag schon zu spät. Also fahren wir lediglich hinauf zum Aussichtspunkt über der Stadt, gerade mal 4 km weit zu fahren.
Der Weg hier hinauf ist der übelste Geröllhaufen, dem ich bisher begegnet bin, und ein paarmal überlege ich, ob ich nicht lieber wieder umkehren soll, denn rauf ist schon schwierig genug, nie im Leben komme ich hier wieder heil herunter. Doof nur, dass ich unterwegs nirgends wenden kann. Es bleibt mir gar nichts anderes übrig, als weiter hochzufahren. So erreiche auch ich schliesslich doch den Platz, von dem aus man eine ungehinderte Sicht hat auf die Stadt und die sie umgebenden Berge mit den verschneiten und vereisten Gipfeln. Nicht weniger als acht 6.000-er schmücken das Panorama.
Bloss, so richtig kann ich die herrliche Aussicht gar nicht geniessen, denn ständig muss ich mit Schrecken an die bevorstehende Abfahrt denken. Noch dazu hat sich der Himmel schlagartig verdüstert, und auf einmal fallen dicke Tropfen. Wir flüchten uns in den nahegelegenen Rohbau, wo wir schön im Trockenen sitzend das Ende des Regenschauers abwarten. Irgendwann ist auch diese Gnadenfrist endgültig vorüber, es hilft nichts, wir müssen wieder zurück. Das werde ich nicht sturzfrei überleben, davon bin ich überzeugt. Michi hat für meine Sorgen mal wieder keinerlei Verständnis und lacht mich nur aus, und ich bin mir nicht sicher, wohin ich ihn dafür wünschen soll. Weder die Wüste noch die Pampa sind weit genug weg.
In der Tat geht es aber erstaunlich gut, es ist gar nicht so übel, wie ich befürchtet hatte. Meter um Meter bringe ich hinter mich, und ich kann bereits wenige 100 m weiter die rettende Asphaltstrasse vor mir sehen, als ich um die letzte Ecke biege. Dazwischen liegt nur noch das eklige Steinfeld, bei dem es mich um ein Haar schon bei der Hochfahrt geschmissen hätte. Und natürlich bekomme ich die Kehre nicht eng genug genommen, um daran vorbeifahren zu können. Also gut, es muss sein, etwas mehr Gas und dann einfach voll durch.
Es nutzt nichts, Violeta beginnt zu eiern, und im nächsten Moment liege ich neben ihr am Boden. Es ist zum Glück nichts weiter passiert, obwohl ich ausnahmsweise ohne Moppedhose und -stiefel losgefahren bin, und mir den rechten Fuss unterm Mopped eingeklemmt habe. Und einen Hebelprotektor hat es auch erwischt, der ist eingerissen.
Nachdem ich mich mit Michis Hilfe, der für einen solchen Fall extra hinter mir geblieben ist, wieder aufgerappelt habe, fahre ich gleich weiter, den Tränen nahe, aus Wut und aus Verzweiflung. So bekomme ich gar nicht mit, wie Michi genau dasselbe passiert. Im selben Steinfeld wirft es auch ihn um. Das mag zwar zeigen, dass ich nicht unbedingt was falsch gemacht habe, ist aber dennoch nur ein schwacher Trost. Und auf die Tatsache, dass ich mal wieder Recht behalten habe, hätte ich in diesem Fall liebend gerne verzichtet.
Für heute jedenfalls reicht uns dieser Abstecher, wir wollen nur noch was essen, möglichst etwas preisgünstiger als gestern. Das ist auch nicht so einfach, aber nach langer Suche finden wir ein Lokal, wo es zwar auch kein 3-Soles-Billigmenü gibt, wo wir aber doch vergleichsweise günstig satt werden.

31.07.2001
Zusammen gehen wir noch frühstücken, dann trennen sich für heute wieder unsere Wege. Michi will mit dem Mopped zur Punta Olimpica, ich muss um 9.00 am Bus sein, der nach Pasto Ruri fährt.
Fast pünktlich fahren wir los, allerdings machen wir fast eine stunde lang noch eine Stadtrundfahrt, um alle weiteren Passagiere an ihren Unterkünften abzuholen. Ein Segen nur, dass es ausser einer mexikanischen Gruppe alles Peruaner sind. Auf Deutsche und Amis hab ich nämlich wirklich keinen Bock, und ich hatte mir schon vorgenommen, mich der englischen Sprache nicht mächtig zu geben, um meine Ruhe zu haben. Das hat sich ja nun erledigt.
Die Strecke kenne ich bereits, wir kommen zunächst nach Catac, wo wir an einem Restaurant halten, um vorsichtshalber einen Mate-Tee zu trinken. Schliesslich werden wir heute auf über 5.000 m Höhe steigen, da kann der nur guttun.
Auf dem weiteren Weg halten wir an der 'Höhle San Patricio'. Ich sehe da nicht mehr als ein Loch im Felsen. Die Peruaner jedoch sind ganz fasziniert, und in guter Japaner-Manier schiessen sie fleissig ein Foto ums andere, während wir alle umlagert werden von den Kindern aus der Umgebung, die uns hartnäckig anbieten, uns mit ihrer Taschenlampe in den 15 m langen Tunnel zu führen, wo es ausser Dunkelheit eh nichts zu sehen gibt.
Endlich geht's weiter, wir biegen ab auf die Schotterpiste, und kommen schon bald an die nächste Attraktion, einen Teich von dampfendem und sprudelndem, weil gashaltigem Wasser. Auch hier erwartet uns wieder eine Horde von Einheimischen, die uns Coca-Blätter, gut für die höhe, und Schokolade, gut gegen die Kälte verkaufen wollen. Oder sie halten uns dazu an, Fotos von ihren geschmückten und mit Sonnenbrille versehenen Lamas zu machen. Erstaunlich, wie geduldig diese armen Viecher sind.
Das ist noch nicht alles, der folgende Stopp führt uns zur 4-farbigen Lagune, die wir uns schon bei der Herfahrt angeschaut hatten. Ein unterirdischer Fluss kommt hier aus einem tiefen Loch an die Oberfläche. Und immerhin lerne ich diesmal etwas mehr über die hier wachsende Blume Puya Raimondi, die grösste des Altiplano. Bis zu 10 m wird sie hoch, und in ihrem bis zu 60 Jahre dauernden Leben blüht sie nur ein einziges Mal. Wenn es soweit ist, nach 6-7 Jahren, trägt sie über 5.000 Blüten. Danach stirbt sie langsam ab und wird schwarz, bis sie schiesslich umfällt. Benannt wurde sie nach dem italienischen Wissenschaftler Raimondi, der sie am intensivsten untersucht hat.
So hat diese Busfahrt doch noch einen Vorzug, man lernt doch einiges mehr über all das, woran man sonst nur ignorant vorbeifährt. Mal abgesehen von der zur Landschaft passenden, folkloristischen Musik, die uns während der Fahrt begleitet.
Ab jetzt geht es ohne weitere Pause direkt zum Gletscher Pasto Ruri, dem am leichtesten zugänglichen, und daher meist besuchtesten 5.000-er. Unterwegs erzählt uns nun unser Führer Luis, dass der Gletscher jährlich über 10 m zurückgeht, und er sich seit 1995 sogar mehr als 100 m weit zurückgezogen hat. Und dass es die berühmten Höhlen, die man damals noch besichtigen konnte und derentwegen ich eigentlich hier bin, gar nicht mehr gibt. Einfach weggeschmolzen!! Nicht zu fassen, wieso sagt mir das vorher keiner!!
Oben am Parkplatz ist der Teufel los. Etliche Busse stehen bereits hier. Die daraus aussteigenden, zumeist von der Küste stammenden und solche Temperaturen ungewohnten Peruaner vermummen sich als erstes in dicke Daunenjacken, Wollmützen, Schals und mindestens zwei Paar Handschuhe. Ich hingegen beginne hier oben in der Sonne bereits jetzt in meiner Fleece-Jacke zu schwitzen, Mütze und Handschuhe packe ich erst gar nicht aus. Und während die meisten anderen jegliche Anstrengung vermeiden und sich den zu Fuss etwa 45-minütigen Spaziergang auf dem Rücken der Pferde hochtragen lassen, gehe ich zu Fuss. Einen Reitausflug stelle ich mir doch etwas anders vor, als hier im Gänsemarsch entlangzutrotten.
Zuletzt sind es bis zum Schnee noch 300 m etwas steileren Anstiegs, über mit Steinen angelegte Stufen. Zugegebenermassen ist das auf dieser Höhe recht anstrengend, aber mir geht es gut, ich muss halt nur langsam machen und ab und zu verschnaufen.
Wer allerdings auch diesen Anstieg nicht schafft, braucht noch nicht aufzugeben. Es gibt immer noch die Möglichkeit, sich selbst das letzte Stück noch hinauftragen zu lassen. Für 1 Sol nehmen einen trittsichere Einheimische Huckepack. Nicht wenige nehmen diesen Service tatsächlich in Anspruch. Da gibt es 10-jährige Jungs, die die 12-jährigen, weitaus stämmigeren Söhne reicher Familien auf dem Rücken hochtragen!!
Oben im Schnee angekommen, haben all die Peruaner ihre Freude daran, auf Plastiktüten gerade mal 100 m hinunterzurodeln. Sie sind hin und weg. Verständlich, wenn man bedenkt, dass sie zum ersten Mal in ihrem Leben richtigen Schnee erleben. Für mich, die ich dazu nicht mal München verlassen müsste, wirkt das Ganze doch ziemlich lächerlich, und auch die Tatsache, dass ich hier auf über 5.000 m über dem Meeresspiegel stehe, rechtfertigt diesen Ausflug nicht. Da finde ich es schon interessanter, die Eiskletterer zu beobachten, die etwas abseits eine wohl 30 m hohe, senkrechte Eiswand bezwingen.
Keine 2 Stunden später ist wieder Treffpunkt am Bus. Erstaunlich zu beobachten, wie mindestens der Hälfte der Leute zum Sterben schlecht ist. Alle haben Kopfschmerzen, den meisten ist schwindelig und schummrig, und manche müssen sich sogar übergeben. Auch unser Führer hat keine Erklärung dafür, wieso die wenigsten Ausländer mit der Höhe Probleme haben, während es die meisten der Peruaner erwischt. Seltsam.
Diesmal fahren wir ohne Unterbrechung auf direktem Weg zurück. Erst in Catac halten wir am selben Restaurant, wo die meisten derjenigen, die noch zur Essensaufnahme in der Lage sind, sich bei einem schnellen Menü stärken. Und das war's dann. Bei Einbruch der Dunkelheit sind wir wieder in Huaraz. Dieser Ausflug war so ziemlich die grösste Zeitverschwendung seit ich unterwegs bin, er kommt gleich hinter dem Umweg über Concepcion, kurz nach unserer Abfahrt aus Santiago.
Zum Trost kaufe ich mir nun doch noch die Hose, die ich letztens entdeckt habe. Sie ist zu cool, ich kann nicht widerstehen, ich muss sie einfach haben. Mit nur 15 zu Buche schlagenden Soles (DM 10,-) wird sie meinem Geldbeutel auch nicht zu sehr weh tun.

01.08.2001
Gleich am Morgen eröffnet uns Jennie, dass eine Gruppe von Kletterern überraschend einen Tag früher aus den Bergen zurückkommt, und sie daher leider unser Zimmer braucht. Aber ohne wenigstens einen gemeinsamen Ausflug in dieser Gegend wollen wir nun doch nicht weiter. Wir haben uns auch schon eine kleine Runde ausgedacht, vorbei an den 7 km entfernten Ruinen, weitere 10 km bis zur Laguna Llaca, von dort quer rüber zum Lago Churup, und wieder nach Huaraz.
Klingt einfach, aber schon der Weg zu den Ruinen ist nicht ohne. Und etwas weiter, als wir gerade an einer Gabelung über den richtigen Abzweig rätseln, holt uns ein Bus ein, der dasselbe Ziel hat. Der Fahrer erzählt, dass er für die Strecke zur Laguna 2 Stunden (!) braucht, und dass der Weg keineswegs besser wird. Das klingt gar nicht gut.
Egal, ich versuche es trotzdem noch ein Stück weiter, aber schon bald erinnert mich der Zustand des Weges doch zu sehr an die vorgestrige Auffahrt zum Mirador, und nachdem ich mittlerweile, entgegen des ursprünglichen Plans, doch alleine unterwegs bin -Michi ist eilig vorausgefahren, weil er oben auch noch wandern und nicht zu spät dazu aufbrechen will- gehe ich lieber auf Nummer sicher und kehre um.
Der Gedanke, den bisherigen Weg wieder zurückfahren zu müssen, ist nicht besonders erbaulich. Aber wenn ich an der Gabelung von vorhin den anderen Abzweig nehme, müsste ich laut Michis Karte genauso wieder in Huaraz landen.
Von wegen!! Den eingezeichneten Weg gibt es zwar wirklich, bloss wird er bald zum reinen Wanderweg. Keine Chance, ich muss doch denselben Weg wieder zurück, so wie ich hergekommen bin. So ein verfluchter Mist!
Geht aber recht problemlos, am lästigsten sind noch die Hunde, die mir mal wieder ständig fröhlich ums Vorderrad herumtanzen, meistens genau dann, wenn ich eigentlich gerade mehr Schwung nehmen müsste.
Nachdem ich nun früher als erwartet wieder im Ort bin, mache ich mich bei praller Mittagshitze und in voller Montur auf die Suche nach einer neuen Unterkunft für die letzte Nacht. Immer noch nicht ganz einfach, nach wie vor sind die meisten ausgebucht. Aber schliesslich klappt es doch, wir können ganz zentral im Hostal Piramide (s. Link) bleiben. Michi hinterlasse ich eine Nachricht, wo er mich finden kann, dann ziehe ich schon mal mit meinem ganzen Krempel um.
Auch Michi ist schon früh wieder da. Er verschwindet aber gleich wieder, will nochmal in der Pizzeria diesen Enrique aufsuchen, dem er von Oliver eine Nachricht ausrichten soll. Zurück kommt Michi mit ausgeliehenen Wanderschuhen und Steigeisen zurück, und mit der Überraschung, dass er mit 2 anderen Jungs, die er gerade getroffen hat, nochmal für drei Tage in die Berge geht.
Fein, ich hab eh bestimmt schon 100.000 Mal überlegt, ob ich nicht besser alleine weiterfahren soll. So ergibt sich das nun von ganz alleine, denn ich fahre auf jeden Fall morgen weiter.
Ausserdem erzählt er, dass er auf der Strasse erneut der Holländerin Mariana begegnet ist. Aufgrund unserer Erzählungen von der Cordillera Blanca hat sie ihre ursprünglichen Pläne geändert und ist auch hergekommen. Nun wird sie morgen Richtung Süden fahren, und sicher endgültig zum letzten Mal gehen wir mit ihr zusammen zum Essen.

02.08.2001
Früh wie immer ist Michi auf den Beinen, und entsprechend bald ist er weg.
Ich hingegen lasse mir Zeit, erst spät stehe ich auf, obwohl ich ja schon etwas nervös bin und keine rechte Ruhe habe. Als erstes schiebe ich Violeta, die mal wieder ordentlich nach Benzin stinkt, aus dem Restaurant, wo sie über Nacht parken durfte und wo jetzt den Hotelgästen ihr Frühstück serviert werden soll, hinaus auf die Plaza.
Obwohl etwas eng, ging das ja schon mal ganz einfach. Nach den letzten Erledigungen (Frühstück, I-Cafe, Geldwechsel) muss sich nur noch rausstellen, ob sie sich auch von mir alleine in Bewegung setzen lässt. In den letzten Tagen hatte das ja wieder nicht so gut geklappt.
Bis ich so weit bin, alles gepackt und aufgeladen habe, auch noch -wenngleich vergeblich- nach dem Schlauch geschaut habe, den wir wegen des Benzinaustritts in Verdacht hatten, heizt die Sonne bereits wieder richtig auf, und Violeta macht keinerlei Ärger. Trotz all der neugierigen Zuschauer springt sie gleich an.
Dann mal los, auf nach Caraz. Das sind angenehme 70 Asphaltkilometer bei angenehm warmen Temperaturen. Endlich kann ich mal wieder nur mit T-Shirt unter der GORE-TEX-Jacke fahren. Wielange hatte ich das schon nicht mehr?! Ich bin mit der Welt zufrieden.
Nach einer guten Stunde gemütlicher Fahrt bin ich schon da. Direkt schade, gerne wäre ich noch eine Weile so weitergefahren. Dann mal sehen, wie das mit der Unterkunft klappt, so alleine.
Ist aber auch kein Problem. Ich komme an die Plaza, wo ich das nagelneue Hostal Perla de los Andes entdecke, und wo ich freundlich aufgenommen werde. Ausserdem empfiehlt man mir, jetzt am Nachmittag statt meiner geplanten Tour lieber zum 'Puya Raimondi'-Feld gegenüber in der Cordillera Negra zu fahren, von wo aus man auch ein herrliches Panorama über die ganze Länge der Cordillera Blanca haben soll.
Gesagt, getan. Ich lade nur schnell mein Gepäck ab, bevor es weitergeht. Auf dem Plan, den sie mir mitgeben, sieht es nach einer kurzen gemütlichen Runde aus. Aber bereits nach Pueblo Libre, dem ersten und einzigen Ort unterwegs, ist es ein ordentlicher Anstieg. Und dahinter geht es erst richtig los! Dieser Feldweg schraubt sich in nicht endenwollenden engen Kehren langsam immer noch weiter nach oben.
Immer wieder glaube ich, es gleich geschafft zu haben und endlich oben anzukommen. Bloss, oben auf dem Sattel geht es weiter um die Ecke, nur um den nächsthöheren Gipfel in Angriff zu nehmen.
Aber man hat mir nicht zuviel versprochen. Je höher ich komme, umso grandioser wird die Aussicht auf die weissen Gipfel gegenüber, die sich bis zum Horizont erstrecken. Bloss von den Blumen ist weit und breit nichts zu sehen. Es wird langsam spät, ich werde müde von der Anstrengung, und einige der Kurven bereiten mir schon echte Probleme.
Fast will ich schon umkehren, als doch die ersten Puyas auftauchen. Nun kann es also wirklich nicht mehr weit sein bis zum Abzweig nach Huata, von wo aus ich die Runde zurück nach Caraz beschliessen kann.
Und wirklich, es geht schon wieder abwärts, da kommt der Abzweig, sogar mit Schild. Dennoch weiss ich nicht, was besser ist, auf der Karte sieht der Weg nach Huata zwar kürzer aus, aber das kann täuschen hier in den Bergen. Zum Glück kommen gerade ein paar Campesinos vorbei, die einzigen, die ich auf dem ganzen Weg getroffen habe, und sie schicken mich wieder zurück. Die 40 km, die ich hergekommen bin, sind wohl der kürzere Weg.
Lieber würde ich zwar die volle Runde fahren, aber es ist mittlerweile nach 16.00, und herauf habe ich bereits gute 1,5 Stunden gebraucht, ich höre lieber auf sie und kehre um.
Aber, oh je, von oben in Angriff genommen wirken die Kurven viel steiler, und wie üblich, gehe ich eine der scharfen Linkskehren mal wieder zu langsam an, und prompt liegt Violeta im Staub. Scheisse, Scheisse, Scheisse!! Weit und breit ist keine Menschenseele, und ein erster Versuch, das kopfüber liegende Mopped wieder aufzurichten, scheitert kläglich. Auch beim zweiten und dritten Anlauf bekomme ich sie allenfalls kniehoch gehoben. Was muss die Kiste auch so schwer sein, ich will meine ehemalige, kleine, leichte 125-er Suzuki wiederhaben!!
Sicher bin ich hier oben schon wieder über 4.000 m hoch, da wird die leichteste Übung schon zur Anstrengung. Obwohl die Zeit verrinnt und die Sonne bereits sinkt, muss ich also erst wieder in Ruhe zu Luft und zu Kräften kommen und lege eine Pause ein.
Dennoch bleibt auch ein weiterer Versuch genauso erfolglos. So wird das nichts! Ich muss sie erst in eine andere Richtung zerren, von wo ich sie hoffentlich leichter heben kann.
Und siehe da, beim nächsten Versuch klappt es endlich, mithilfe der Kraft der Verzweiflung steht sie nach einer Weile wieder. Doch, was ist das denn?? Der Bremshebel ist total lose, lässt sich ohne weiteres einfach bis zum Anschlag durchziehen. Oh nein, da wird ja wohl nichts abgebrochen oder gerissen sein?? Das fehlte noch! Ich kann allerdings nichts erkennen, das Bremslicht funktioniert immerhin noch, und auch ein erster leichter Test ergibt, dass die Bremse wohl schon noch funktioniert. Puh, Schwein gehabt!! Ich hab mich schon die ca. 1.500 Höhenmeter nur mit der hinteren Bremse bekämpfen gesehen.
Ok, es kann also wieder weitergehen, ich muss Violeta nur wieder zum Laufen bringen. Mit Kicken geht natürlich gar nichts, ich hab's befürchtet. Muss ich sie also auch noch über diesen zerfurchten und steinigen Weg anrollen lassen, mir bleibt aber auch nichts erspart! Am besten gar nicht lange nachdenken, einfach laufenlassen, dann Gang rein, Kupplung loslassen, ...und ...und ...jawohl, sie läuft wieder, welch eine Erleichterung!!!
Bloss nix wie weg hier, und ab jetzt konzentrierter und entspannter als bisher. Die Schatten werden schon immer länger, ich werde 3 Kreuze schlagen, wenn ich Pueblo Libre erreiche, und 5 Kreuze, wenn Violeta heil in der Garage steht.
Zusehends komme ich tiefer, ich bin froh über jede Kehre, die ich hinter mich bringe. Und weiter unten auf halber Höhe sind sie auch nicht mehr ganz so eng. Trotzdem, ich bin schon ziemlich am Ende, da wird alles zur Qual. Ich bin heilfroh, als ich unten auf die Holzbrücke und dann auf die Asphaltstrasse komme.
Wenig später kann ich die 5 Kreuze schlagen, und mich auf meinem Zimmer auf's Bett hauen. Nicht mal die angenehm heisse Dusche kann mich für heute nochmal herstellen. Ich versuche es stattdessen mit Essen, in einem gemütlichen Lokal an der Plaza. Es zeigt sich aber nur, dass ich mehr Durst als Hunger habe, den Teller lasse ich halbvoll zurückgehen, während ich gleich 2 Flaschen Sprudel wie nichts in mich hineinschütte.

03.08.2001
Die Strapazen von gestern sind vergessen, so frisch und munter kann ich getrost die Runde angehen über die beiden angeblich so atemberaubenden Pässe, die die Cordillera Blanca durchqueren. So schlimm wie gestern kann es eh nicht werden, Michi meinte ja, dass keine der Pisten schlimmer wäre als die, auf denen wir hergekommen sind. Ohne Gepäck dürfte das erst recht ein Kinderspiel sein.
Getankt habe ich gestern schon, und Violeta springt auch sofort bereitwillig an. Wir düsen los, erst zurück nach Yungay, dem Ort, der mitsamt seiner 30.000 Einwohner von dem Erdbeben völlig begraben wurde. Hier biegt eine Piste ab, die sich lange durch ein grünes Tal noch weit unterhalb der Schneegrenze zwischen dem gewaltigen Huascarán und dem nur unwesentlich niedrigeren Huandoy windet, zu den beiden klaren, türkisfarbenen Lagunas Llanganuco auf 3.850 m über Null. Bis hierher sind es 25 km, die recht leicht zu fahren sind. Aber das war nur der Anfang, sozusagen zum Warmfahren. Jetzt geht es erst richtig los! Die unzähligen Serpentinen sind für meinen Wendekreis, der eher dem eines überlangen Trucks entspricht, eigentlich viel zu eng. Und so schraube ich mich mit Violeta, schön langsam und vorsichtig, immer weiter hinauf, oft genug dem Abgrund näher als mir lieb ist.
In einer der obersten Kurven passiert es dann. Violeta geht hier oben die Luft aus, ich muss zurückschalten, was ich allerdings nicht rechtzeitig koordiniert bekomme, und sie geht aus. Ein Umkippen kann ich soeben noch verhindern.
Immerhin, das ist ja schon mal nicht schlecht soweit. Bloss, jetzt hänge ich hier mitten im Hang. Eine äusserst ungünstige Position, ankicken geht hier nicht, vorwärts schieben auch nicht. Rein theoretisch weiss ich ja, was ich zu tun hätte, nur, eine einzige falsche Bewegung, oder ein Ausrutscher, und Violeta kippt doch noch um, oder segelt gar den Abgrund hinab. Das will ich mal lieber nicht riskieren.
Zum Glück kann ich sie wenigstens auf dem Ständer abstellen, ohne dass sie auch da gleich umkippt. So kann ich immerhin schon mal absteigen, und mir in Ruhe die Lage von 'aussen' betrachten.
Erst jetzt entdecke ich, dass ich ja wohl sogar noch froh sein muss über dieses Malheur, sonst wäre mir dieser gewaltige Gletscher, der sich gleich gegenüber ins Tal hinabschiebt, vermutlich gar nicht erst aufgefallen. Zu sehr muss ich mich einfach nur auf die Strasse konzentrieren, da bleibt wenig Zeit, um die unglaubliche Landschaft auch wirklich zu geniessen.
Eine Weile hält mich noch der Anblick des Gletschers gefangen, bevor ich mich wieder der Lösung meines akuten Problems zuwende. Hinter der Kurve wird es wieder eben, wenn ich es schaffe, das Moto dorthin zu schieben, dann bin ich aus dem Schneider. Die Kurve sieht, genau betrachtet, eigentlich auch nicht so steil aus, das müsste doch gehen.
Oder doch nicht? Sobald ich den Gang raustue und die Bremse loslasse, rollt sie nur rückwärts hinab, da kann ich mich noch so sehr dagegen stemmen und drücken und schieben. Nichts zu machen, so geht es also schon mal nicht.
Demnach muss ich wohl doch wenden und dann nach unten anrollen lassen. So eine Scheisse. Aber was besseres fällt mir nicht ein. Michi dreht sie doch immer einfach auf dem Ständer herum, vielleicht krieg ich das ja auch hin.
Nein, auch das geht nicht. Aussichtslos, keine Chance. Also gut, ich geh es an, schön langsam, um ja nicht die Kontrolle über die scheinbar immer noch schwerer werdende Kiste zu verlieren, lasse ich sie Zentimeter um Zentimeter nach unten ab, bis sie endlich quer zur Strasse steht. Ich bin schweissgebadet, aber das Gröbste wäre geschafft.
Auf einmal höre ich Motorengeräusche. Und wirklich, tief unter mir kommt ein Mini-Bus hochgekrochen. Er wird noch eine Weile brauchen bis hierher. Eigentlich bliebe Zeit genug, um mich rechtzeitig vorher aus meinem Debakel zu befreien. Andererseits könnte das aber auch noch schief gehen, und nach all der bisherigen Anstrengung liegt Violeta vielleicht am Ende doch noch am Boden. Nein, ich ziehe es vor, auf die Hilfe aus dem Bus zu warten.
Das war in der Tat die klügere Entscheidung. Die beiden Jungs, die gleich hilfsbereit aus dem Bus springen, schnappen sich Violeta und schieben sie um die Ecke, als wäre sie ein Fahrrad. Ich komm gar nicht so schnell hinter ihnen her. Deprimierend!!
Der Busfahrer wartet noch, bis Violeta wieder läuft und lässt mich vorausfahren. Zu peinlich, wenn mir auf dem restlichen Weg nochmal was ähnliches passieren sollte!
Aber, wenngleich nicht ganz einfach, so geht zum Glück doch alles gut, ohne weitere Pannen komme ich oben am Portachuelo de Llanganuco an. Unglaublich, ich befinde mich auf einer Höhe von fast 4.800 m über Null und blicke auf die Bergwelt um mich herum, diese Giganten aus Fels und Eis. Und da mittendrin stehe ich kleines Würmchen, ganz winzig, allein und verlassen. Aber auch ganz gross, denn schliesslich hab ich es geschafft, jawohl, ich bin oben, ganz oben!
Jetzt muss ich nur noch wieder runter. Das ist keineswegs einfacher. Ein Segen bloss, dass die Kurven auf dieser Seite nicht ganz so eng sind, das macht es zumindest etwas weniger anstrengend. Unter mir erwarten mich grüne, tropisch anmutende Täler, langsam wird es immer wärmer, und nach 90 km stehe ich an der Plaza von Yanama.
Ein netter Ort, der mir auf Anhieb sympathisch ist. Hier, wo man zwischen den Palmen hindurch direkt auf den nach seiner perfekten Form benannten und von einer Fachzeitschrift als einer der schönsten Berge der Welt bezeichneten Gipfel Piramide blicken kann, halte ich kurz Siesta.
Ich komme aber gar nicht dazu, mir dieses Kunstwerk der Natur in Ruhe anzuschauen, denn im Nu bin ich von einer Meute neugieriger Peruaner umzingelt. Es entsteht eine nette Plauderei, bei der ich allerdings auch erfahre, dass es noch 2 Stunden sind bis San Luis, -das sind umgerechnet etwa 40 km-, und dass der Weg noch schlechter wird. Das ist ernüchternd, in dem Fall kann ich es mir ja jetzt bereits abschminken, wie erhofft die ganze Runde bis zurück nach Caraz noch heute fahren zu können. Ich werde in San Luis übernachten müssen.
Und wirklich, gleich hinter dem Ort wird die Strasse enger, zerfurchter, steiniger, löchriger. Ich komme kaum noch voran. Erst das letzte Drittel dieses ständigen Auf und Ab und Hin und Her ist wieder in etwas besserem Zustand, was aber meine Durchschnittsgeschwindigkeit auch nicht mehr wesentlich verbessern kann. Kurz vor halb vier erreiche ich San Luis, nach 140 km und etwas mehr als 5 Stunden reiner Fahrzeit. Die sind aber mehr als genug für heute, und ich bin froh, dass das Hostal, welches man mir an der Plaza empfiehlt, eine einfache Einfahrt in den Hof hat, und ich mich nicht auch noch mit dem Einparken abquälen muss. Das Tor ist schön breit, und keinerlei Stufe ist im Weg.
Kurz nachdem ich mich hier häuslich niedergelassen habe, lerne ich meinen Zimmernachbarn Alex kennen. Er spricht perfekt deutsch, hat an der Uni in Berlin sein Magister in Amerikanistik gemacht, und leitet jetzt hier in der Nähe archäologische Ausgrabungen.
Er erzählt mir, dass der grosse Fitzcarraldo eigentlich hier aus San Luis stammt. Er ist hier aufgewachsen, bis er 10-jährig abgehauen und nie wiedergekommen ist.
Ausserdem würde in diesen Tagen auch der Erzbischof von Mailand hier weilen, weil er morgen den Grundstein zu einer neuen Kirche legen soll, die 3.000 Leute wird fassen können. Ich hatte mich schon gewundert, wieso die ganze Plaza de Armas so aufgebuddelt ist.
Später beim Essen im angeblich einzigen vernünftigen Restaurant erzählt Alex mir dann auch noch Schauergeschichten über Kolumbien. An den Hauptverbindungen zu den interessantesten Orten des Landes würde man ständig uniformierte und bewaffnete Patrouillen sehen können, entweder Militärs oder irgendwelche Guerilla-Gruppen. Dabei spielt es gar keine Rolle, um wen es sich nun handelt, korrupt sind sie alle. Und immer wieder käme es vor, dass sie Strassenabschnitte blockieren, und den gesamten Verkehr erst einmal einbehalten und auf mögliche Geldquellen prüfen. Hinter wem ausreichend Kapital steckt, um ein Lösegeld fordern zu können, würde da behalten, die anderen würden wieder freigelassen. Es versteht sich, dass Ausländer von vornherein zu den Reichen und Lohnenswerten gezählt werden. Das kann ja heiter werden! Doch darüber werde ich mir Gedanken machen, wenn es soweit ist. Vorerst muss ich sehen, dass ich nach Caraz zurückkomme.

04.08.2001
Beim Frühstück treffe ich Alex wieder. Das lenkt kurzfristig etwas ab, denn mit gemischten Gefühlen breche ich heute auf. Einerseits freue ich mich auf die sicher wieder einmalige Landschaft, andererseits kann das wieder nicht ohne die von mir so verhassten und gefürchteten Serpentinen abgehen. Noch dazu soll laut Alex der Weg noch schlechter sein als der gestrige. Das hätte er mir nun mal lieber nicht erzählt! Ich erwäge ernsthaft, ob ich mir nicht lieber einen Truck suchen soll, der Violeta und mich auf die andere Seite der Cordillera zurückbringen kann.
Das kommt ja aber wohl nicht in Frage, jetzt stecke ich schon mittendrin und hab's bis hierher geschafft, dann brauch ich jetzt auch nicht mehr zu kneifen! Ausserdem sagte doch Michi, die Pisten seien in einwandfreiem Zustand. Bestimmt setzt Alex, der die Strecke in einem alten Volvo fährt, welcher noch dazu gerade beim Mechaiker in der Werkstatt steht, einfach ganz andere Massstäbe an. Anyway, ich werde bald herausgefunden haben, wer von beiden Recht behält.
Trotz der Höhe, -San Luis liegt schon wieder auf 3.200 m-, springt Violeta problemlos an, das deute ich als gutes Zeichen. Wenn's drauf ankommt, kann ich mich halt doch auf sie verlassen.
Alex gibt mir noch ein paar Weintrauben mit für unterwegs, für die Pause auf dem Gipfel, dann mache ich mich auf die Suche zunächst nach Benzin, und anschliessend nach der richtigen Ausfallstrasse Richtung Chacas. Das ist gar nicht so leicht, der ganze Ort scheint sich im Umbau zu befinden, und die steilen Strassen sind allesamt aufgerissen und aufgewühlt. Ich habe den Eindruck, ich fahre über einen frisch gepflügten Acker.
Nur leider wird der Weg ausserhalb vom Ort auch nicht viel besser. Er ist bestenfalls als zerfurchter Feldweg mit reichlich losem Gestein und Geröll zu bezeichnen.
Chacas liegt vermutlich auf etwa gleicher Höhe wie San Luis, nur dazwischen geht es erst noch einmal tief hinunter ins Tal und wieder hoch. Diesmal zähle ich mit. Bis hierher sind es bereits knappe 30 ziemlich unangenehme Kehren gewesen, und erst jetzt beginnt der wirkliche Anstieg.
Trotz der bisher schlechtesten Piste von allen, komme ich aber heute erstaunlich gut mit den Kehren zurecht. Der Groschen scheint etwas tiefer gefallen zu sein, fast hab ich jetzt den Bogen raus. Und das, obwohl ausgerechnet die Kurven mit einem Teppich aus losem Gestein ausgelegt sind. Meistens kann ich den aber irgendwie umfahren. Nur einmal zieht sich ein Geröllfeld wie neulich zum Mirador durch die ganze Kurve, und über die ganze Breite. Da muss ich irgendwie drüber. Die Wahrscheinlichkeit, dass das nicht gut geht, ist doch ziemlich hoch. Ob ich das riskieren soll?
Ich glaube, das ist hier nicht der richtige Moment für Experimente dieser Art. Also steige ich sicherheitshalber ab, und versuche stattdessen lieber, Violeta langsam im ersten Gang voranzutreiben. Na bitte, ich komme zwar etwas ausser Puste, aber es funktioniert.
Für die weiteren 45 Kehren brauche ich nicht mehr abzusteigen. Wieder geht es vorbei an Gletschern und Lagunen. Die dann folgenden letzten 15 Serpentinen verlangen uns noch einmal alles ab, selbst im ersten Gang schafft Violeta sie kaum noch, zu dünn ist einfach die Luft hier oben. Ziemlich anstrengend, auch für mich. Aber schliesslich hab ich es erneut geschafft, nach etwa 2,5 Stunden stehe ich hier oben auf der Punta Olimpica auf 4.900 m Höhe. Ich stehe mit Violeta höher als es in ganz Europa möglich ist. So weit ich blicken kann nichts als steile Felswände, Schnee und Eis. Die Aussicht verschlägt mir die Sprache. Das ist allerdings nicht weiter tragisch, es ist eh keiner da, mit dem ich reden könnte, ich bin hier mutterseelenallein.
Bisher hatte Alex ja nicht ganz Unrecht, und er meinte, die Abfahrt sei noch schlechter als die Auffahrt. Dagegen steht Michis Aussage, die Piste sei in einem Top-Zustand. Die Auffahrt von San Luis her war Michi nicht gefahren, die konnte er daher nicht beurteilen. Also wollen wir nun doch mal sehen...
Ich hätte es wissen müssen. Ungesehen darf man Michi einfach wirklich nichts glauben. Der Weg ist unter aller Sau, und mir rutscht das Herz noch weiter in die Hose!! Michi kann froh sein, dass er weit weg ist, ich könnte für nichts garantieren. Wie kommt er dazu, solche Lügengeschichten zu erzählen und mich dann auch noch die Strecke alleine fahren zu lassen? Will er etwa, dass ich mich hier zu Tode stürze?? Nein nein, nicht mit mir, diesen Gefallen werde ich ihm nicht tun!!
Eine nach der anderen nehme ich ohne grosse Probleme die etwa genauso vielen Kehren, irgendwo bei 50 oder 60 verliere ich den Überblick. Nach der ersten steilen Abfahrt zieht sich der Weg durch das ebene, sattgrüne Tal hinaus ewig hin, dann geht's nochmal tiefer runter, bis ich gegen 15.00 unter mir die Asphaltstrasse sehe. Welch ein Segen!! Es ist alles gut gegangen, in den letzten drei Tagen dürfte ich an die 450 solch ekliger Kehren gefahren sein, und ich fühle mich, als hätte ich heute meine Reifeprüfung bestanden. Vielleicht sollte ich mich jetzt zur nächsten Paris-Dakar anmelden?!
Zurück in Caraz habe ich Violeta gerade in der Garage abgestellt und bin auf dem kurzen Weg ins Hostal, da fährt mir auch schon Michi über den Weg. Ich hab nicht mal mehr Zeit, mich noch schnell zu verstecken. Lange hab ich ihn also nicht abhängen können.
Da er in einem anderen Hostal untergekommen ist, verabreden wir uns an der Plaza, wo wir den Nachmittag gemütlich auf einer Parkbank in der warmen Sonne ausklingen lassen.


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