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vom 27. August 2001


in San Bernardo

Miriam Cunduri

Soloauftritt

am Fuss des Chimborazo,...

...die Kinder von Pulingui

Pressekonferenz, mit Radio...

...und TV

beim Radio Virtual

die Kinder von Chibuleo...

...freuen sich auf ihre neue Schule...

...in dieser herrlichen Umgebung

die alte Schule, viel zu klein...

...aber herrlich gemütlich

David

Michi wird neu eingekleidet

das Projekt,...

...seine Käserei,...

...und seine Instrumentenfabrik

...drinnen wie draussen,...

die Musikusse

morgens früh,...

...am Bahnhof in Riobamba

auf dem Dach...

...des Zuges...

...zur Teufelsnase

die Moppeds sind auch dabei

Señora Nelly von der Kindernothilfe Ecuador ist wirklich fit in ihrem Job, sie hat in der Kürze der Zeit alles bestens vorbereitet. Wir werden heute und morgen volles Programm haben.
Um 8.00 sind wir bei ihr im Büro verabredet, von wo aus wir losfahren, um die beiden Projekte in der Region Riobamba zu besuchen. Der Sensation wegen sollen wir mit den Motorrädern fahren, und werden von einem Fahrzeug begleitet.
Während wir uns beim Frühstück auf die bevorstehenden Tagesordnungspunkte einstellen, ruft auch schon Sra. Nelly an. Sie teilt uns mit, dass sie uns ein Taxi schicken wird, mit dem wir zum ersten Projekt fahren werden, da der Weg dorthin für Motorräder zu staubig und unzumutbar ist. Auch gut.
Also steigen wir eine Viertelstunde später in besagtes Taxi ein. Unterwegs besorgen wir nur noch eine ganze Tüte Bonbons für die Kinder, und fahren gleich weiter nach San Bernardo.
Die Piste ist tatsächlich in einem ziemlich desolaten Zustand. Zu lange hat es schon nicht mehr geregnet, daher bedeckt eine cm-dicke Staubschicht die holprigen Fahrrinnen. Wir werden von unserem eigenen Staub völlig eingenebelt, und ich bin froh, nicht auf dem Moto zu sitzen.
Unterwegs holen wir noch Miriam Cunduri und ihre Mutter ab. Señora Nelly hatte uns bereits von dem 10-jährigen Mädchen erzählt, das vom nationalen Kinderparlament gewählt wurde, um Ecuador auf dem Weltgipfel der indigenen Kinder kommenden September in New York zu vertreten. Aus diesem Anlass wird nächste Woche auch ein Team vom ZDF herkommen, um eine Reportage über Miriam und ihr Zuhause zu drehen.
In San Bernardo angekommen, werden wir gleich von einer ganzen Kinderschar empfangen und umringt, die sich alle unseretwegen versammelt haben, obwohl sie eigentlich gerade Ferien haben.
Das einfache und eigentlich viel zu kleine Gebäude ist schnell besucht. Kaum zu fassen, dass hier 150 Kinder unterkommen und betreut werden sollen. Aber offenbar geht es doch. Und alle helfen mit. Zur Elternarbeit gehören neben der Mitarbeit der Mütter in der winzigen Küche -so klein, dass manche der riesigen Töpfe keinen Platz darin haben-, und neben der Ernährungsberatung auch weitere Schulungsangebote für die Eltern, regelmäßige Treffen, Nachbarschaftshilfe und Hausbesuche bei den Familien der Kinder. Vorgesehen ist auch, innerhalb der Einrichtung eine Elternschule zu gründen, in der interessierte Eltern Anleitung erhalten sollen, sich durch einkommenschaffende Maßnahme z. B. den Anbau von Salat und Gemüse ein eigenes kleines Einkommen zu erwirtschaften.
Da der Platz wirklich sehr beengt ist, würden sie gerne ein weiteres Stück Land kaufen, das sich gleich hinter dem Haus befindet. Es ist zwar sehr steil, aber im Grunde die einzige Möglichkeit, sich etwas auszudehnen. Nur leider verlangt die Besitzerin $ 600,- für das Land, sehr viel Geld, das derzeit einfach nicht zur Verfügung steht.

In der Zwischenzeit haben sich die Kinder im Klassensaal gesammelt, um uns ein paar der bereits erlernten Musikstücke vorzutragen. Denn ihre Kultur nehmen sie sehr ernst, der Musikunterricht spielt eine grosse Rolle, und jedes Kind erlernt von klein auf und auf spielerische Art und Weise ein Instrument zu spielen. So ist für die Kleinen ihre Panflöte, die anfangs nur 3 Töne erlaubt, ihr liebstes Spielzeug. Nintendo und Pokemon kennt man hier nicht.
Am Ende des Konzerts bekommen wir einmal von Miriam, die ihren Auftritt wirklich perfekt beherrscht, und einmal von einem weiteren Mädchen, die wie die meisten anderen eher schüchtern und zurückhaltend ist, ein kleines Andenken überreicht. Wieder und wieder bedanken sich alle bei uns für die Hilfe und Unterstützung, die sie aus Deutschland erhalten, und die es ihnen ermöglicht, das Notwendigste wie Lebensmittel, Schulbedarf und Kleidung zu kaufen. Es ist nicht schwer zu erkennen, dass diese Dankbarkeit und die Freude wirklich von Herzen kommen. Bei dem Gadanken an den ganzen Überfluss, in dem wir in Deutschland leben, tut es fast schon weh, zu sehen, wie bescheiden die Menschen hier sind, und mit wie wenig man ihnen wirklich helfen und damit auch noch eine echte Freude bereiten kann.
Die Zeit vergeht im Flug, es wird Zeit für den Abschied. Aber man lässt uns nicht gehen, ohne mit ihnen zu Mittag gegessen zu haben. Auf der Speisekarte stehen heute Avas, eine grosse Bohnenart, die man einzeln mit den Fingern isst, nachdem man sie aus der Schale gepuhlt hat, die einfach auf dem Tisch abgelegt wird. In der Mitte des Tisches steht davon eine riesige Schüssel voll, aus der sich jeder bedient. Dazu gibt es Salz, mit dem man die Bohnen etwas würzt. Und Tee. Wegen dem besonderen Anlass gibt es heute zusätzlich sogar noch ein hartgekochtes Ei, und zum Nachtisch geröstete Maiskörner. Ein einfaches, aber deswegen nicht weniger köstliches Essen, und die Augen der Kinder leuchten. Doch meine Gedanken schweifen ab, ich stelle mir ein Kinderfest vor, irgendwo in Deutschland. Würde sich dort auch nur einer der Racker mit diesem Essen zufrieden geben?
Wir sind inzwischen viel zu spät dran, und so fahren wir auch zum 2. Projekt auf direktem Weg mit dem Taxi, obwohl hier die Strasse immerhin asphaltiert ist, und wir eigentlich mit den Moppeds fahren sollten. Aber es bleibt keine Zeit mehr, die noch abzuholen. Schade, denn die Kinder würden sich sicher freuen, und die Strecke ist auch sehr schön. Die Tagesstätte befindet sich in der kleinen Gemeinde San Pablo Pulingui an den Hängen des schneebedeckten Chimborazo, den wir heute endlich zum ersten Mal wolkenfrei in seiner ganzen Grösse und Mächtigkeit vor uns sehen. Die 315-Einwohner-Gemeinde liegt in einem Naturschutzgebiet auf 3.700 m Höhe, wo die Temperaturen normalerweise das ganze Jahr hindurch zwischen 1 und 10° C liegen. Miriam, die uns weiter begleitet, und die es gewohnt ist, sich lediglich in ihr Umhängetuch zu hüllen, friert erbärmlich. Durch die Gemeinde führt die Straße, über welche die in- und ausländischen Touristen anreisen, um von hier aus den Gipfel des Chimborazo zu erklimmen. Ein öffentliches Transportwesen nach San Pablo Pulingui gibt es allerdings nicht.
Erneut werden wir vom Direktor zum Mittagessen geladen, da hilft auch unsere Erklärung nicht, dass wir bereits satt sind. Die Köchinnen haben sich sehr angestrengt heute, und der Direktor erklärt uns, dass in der Provinz Chimborazo die Sterblichkeit höher ist als in anderen Gegenden Ecuadors. Mangelernährung und die daraus entstehende Anfälligkeit für Krankheiten sind ein großes Problem. In Pulingui fanden daher bereits Veranstaltungen zum Thema Hygiene statt, und drei Frauen aus dem Ort sind extern als Gesundheitsberaterinnen ausgebildet worden und geben ihre Kenntnisse an die Dorfgemeinschaft weiter. Im Gemeindezentrum gibt es eine kleine Gesundheitsstation.
Das Wasser speist die Gemeinde selber in ein Netz ein, an das die Haushalte angeschlossen sind. Dieses Jahr allerdings bereitet ihnen der starke Wind grosse Sorgen, weil er das Wasser sichtlich stark verschmutzt. Die beiden Teiche, in denen sie seit neustem Forellen züchten wollen, sehen nicht besonders appetitlich aus. Es gibt auch keinen Strom in Pulingui, weshalb jetzt von der Provinzregierung das Verlegen einer Stromleitung finanziert wird. Eine Kanalisation gibt es nicht, die einzelnen Häuser haben seit 1993 Latrinen. Müll wird vergraben.

Innerhalb des Gemeindezentrums, das 1997 mit finanzieller Unterstützung der kanadischen Regierung in Form eines riesigen Kondors mit ausgebreiteten Schwingen errichtet wurde, verfügt die Tagesstätte über vier Räume, einen Speisesaal und eine Küche. Zwei weitere Räume werden für Erwachsenenbildung und Berufsausbildung genutzt. Da das Kunsthandwerk als Erwerbszweig immer bedeutender wird, wurden darin inzwischen auch ein paar Webstühle eingerichtet, an dem Frauen und Kinder die erforderlichen Techniken erlernen und ihre Produkte den Touristen zum Verkauf anbieten können.
Die Tagesstätte selbst öffnet morgens um 7.30 Uhr. Die jüngeren Kinder werden in einer Kindergartengruppe betreut, während die älteren Unterricht haben. Ab 12.30 Uhr gibt es Mittagessen. Nach der Mittagspause beginnen die Programmangebote und Arbeitsgruppen, die den Unterricht ergänzen sollen. Mittwochs und freitags nachmittags werden für die Jugendlichen Kurse angeboten wie z. B. Englisch, Musik, Landwirtschaft etc. Geplant ist, dieses Angebot an Ausbildungsgängen zu erweitern, weil es als wichtige Ergänzung zur schulischen Ausbildung angesehen wird. Auch ein Schulgarten soll angelegt werden, um den Kindern und Jugendlichen praktische Kenntnisse über Gartenbau zu vermitteln.
Die Gemeinde hat eine eigene kleine Schule, in der zweisprachiger Unterricht (Quichua und Spanisch) erteilt wird. Hier werden Vorschulkinder und Grundschüler betreut. Die Dorfbewohner sind stolz darauf, daß die Schüler im Ort selbst unterrichtet werden können. Die Analphabetenrate in Pulingui liegt bei 10 %, was ein sehr geringer Prozentsatz ist, denn im ländlichen Bereich der Diözese Riobamba liegt der Durchschnitt bei 66%.

Natürlich können wir auch hier nicht weg, ohne uns angehört zu haben, was die Kinder schon auf ihren Panflöten zu spielen gelernt haben. Und wir sollen Grüsse ausrichten in Deutschland, Grüsse voller Dankbarkeit über die Hilfe durch die Kindernothilfe wodurch Lebensmittel, Schreibmaterial und anderes gekauft werden kann. Ohne einen solch regelmäßigen Zuschuß zu den laufenden Kosten wäre es kaum möglich, diese wichtige Arbeit kontinuierlich weiterzuführen und planen zu können.
Inzwischen sind wir auch hier bereits länger geblieben als geplant, und eilig müssen wir schliesslich aufbrechen, wenn wir noch einigermassen pünktlich zur um 15.30 angesetzten Pressekonferenz erscheinen wollen.
Natürlich kommen wir zu spät, aber nicht wirklich, denn ausser Sra. Nelly und einer Journalistin vom Radio ist noch keiner da. Während wir uns 5 Minuten Auszeit erbeten, um uns kurz frisch zu machen, trudeln auch die anderen, vom Fernsehen, von der Presse und von einem weiteren Radiosender ein. Es kann also gleich losgehen, die Walkmen sind aufgestellt, und die Kamera ist bereit. Sra. Nelly hat bereits ein Schreiben aufgesetzt, das ich vor laufender Kamera nur noch unterzeichnen muss. Zum Durchlesen komme ich bei der Hektik gar nicht mehr. Von mir wollen sie natürlich genaueres zur Reise wissen, und was mich zu derselben bewogen hat, wollen wissen, wie ich die Situation der Kinder hier im Land und allgemein in Südamerika beurteile, etc. Es geht Schlag auf Schlag, ich komme gar nicht dazu, Atem zu holen, und kaum bin ich froh, eine Frage einigermassen vernünftig beantwortet zu haben, muss ich mir auch schon zur nächsten was einfallen lassen. Ich hoffe nur, dass keiner merkt, wie ich dabei fast ins Schwitzen komme. Daher bin ich erleichtert, als sie mit mir fertig sind und sich anschliessend der zehnjährigen Miriam zuwenden. Die ist bereits ein richtiger Profi. Sie weiss genau, was sie zu sagen hat, mit welchen Worten und in welchem Ton. Wie peinlich und erbärmlich muss dagegen mein Auftritt wirken!!
Wie auch immer, genauso schnell wie es begonnen hat, ist auch alles vorbei. Ein kurzes Händeschütteln, und weg sind die Reporter. Señora Nelly kündigt allerdings noch weitere Termine an. Eventuell nochmal TV m 20.00, das muss jedoch erst noch bestätigt werden, und morgen früh um 7.00 ein Interview beim Radio.
Uff, wir kommen gar nicht mehr zur Ruhe. Der Eisenbahntrip am Mittwoch muss auch noch organisiert werden. Es ist bereits kurz vor 18.00, als wir erneut im Büro des zuständigen Herrn stehen. Das spielt aber weiter keine Rolle, denn er ist sowieso heute nicht da. Seine Sekretärin kann leider nichts weiter für uns tun, als unser Anliegen an ihn weiterzuleiten. Wir müssten halt schauen, dass wir morgen rechtzeitig vor 18.00 wieder hier sind, oder uns von unterwegs aus telefonisch mit ihm in Verbindung setzen. Momentan bleibt uns nichts anderes übrig als zu hoffen, dass wir das alles trotz des recht engen Zeitplans noch geregelt bekommen.
Inzwischen ist es nach 20.00, Señora Nelly hat sich nicht mehr gemeldet, aus dem TV-Termin ist wohl nichts mehr geworden. Ehrlich gesagt bin ich da gar nicht so traurig darüber, denn je müder ich bin, umso mehr lässt mein Spanisch mich im Stich. Und ich bin müde! Ich kann mich gerade noch ins hauseigene Restaurant schleppen, nach dem Essen falle ich nur noch ins Bett.

28.08.2001
Unser Taxi wartet bereits vor der Tür und bringt uns zum Studio von Radio Virtual. Der Sprecher erblickt uns gleich durchs Fenster, als wir auf die Dachterrasse des 5-stöckigen Hauses treten. Er bittet uns freundlich herein, entschuldigt sich aber gleich wieder und setzt sich hin, um die 7-Uhr-Nachrichten zu verlesen. In einer der Meldungen verkündet er bereits, dass ich mich mit einer Botschaft der Solidarität auf einer Reise durch Südamerika und derzeit in Riobamba befinde. Nach einer kurzen Musikeinlage folgt dann das Live-Interview. Zum Glück weiss ich inzwischen besser, welche Fragen mich erwarten und was ich darauf antworte. Es läuft daher ganz gut, geschlagene 10 Minuten unterhalten wir uns, bevor er wieder Musik einspielen lässt.
Wir halten uns gar nicht lange auf, und fahren gleich weiter nach Ambato. Unser erster Besuch gilt heute der Tagesstätte 'Jesús El Salvador' von Chibuleo San Pedro, einer kleinen ländlichen Gemeinde im Hochland von Ecuador. Die klimatischen Verhältnisse sind aufgrund der Höhenlage unwirtlich, die Temperaturen bewegen sich im Verlauf des Jahres zwischen 0 und 10° Celsius. Die nächstgrössere Stadt ist die Provinzhauptstadt Ambato. Zwischen Ambato und San Alfonso, 3 km von dem Ort entfernt, gibt es zwar eine Busverbindung, aber das letzte Stück Weg ist eine unbefestigte Straße, die im Winter gelegentlich unpassierbar ist.

Mehr als 50% der Dorfbewohner gehören zur indigenen Bevölkerung der Quichuas. Sie sprechen ihre eigene Sprache, das Quichua, und lernen Spanisch nur als Zweitsprache. Unter den Quichuas werden die alten Traditionen sehr bewusst gepflegt, d.h. sie tragen farbenprächtige Gewänder, feiern ihre folkloristischen Feste und sprechen untereinander ihre Sprache.
Jedes fünfte Haus im Dorf ist noch in traditioneller Bauweise gebaut mit Wänden aus Lehm und Dächern aus Stroh, aber es gibt zunehmend Häuser aus Zement mit Zinkdächern. Etwa 70% der Familien haben Wohnungen mit zwei Räumen, wobei selten ein Schlafraum eigens abgetrennt ist. Es ist normal, dass in einem Bett zwei oder sogar drei Kinder schlafen. Trotz der engen Verhältnisse halten die allermeisten Familien fest zusammen.
Im Mai 1998 wurde die Tagesstätte Jesús El Salvador gegründet, Gegenwärtig werden hier 60 Kinder zwischen fünf und zwölf/dreizehn Jahren betreut, in einem kleinen Haus mit bunt angemalten Wänden, etwas verwildertem Garten und kleinem Spielplatz. Als erstes besuchen wir aber den Neubau. Seit ein paar Monaten wird an einem neuen Gebäude gearbeitet, das im Oktober, rechtzeitig zum Schuljahresbeginn, fertig werden soll. Dann wird hier Platz sein für 150 Kinder. Der Rohbau sieht jetzt schon ganz gut aus, und alle freuen sich schon darauf, ihn bald beziehen zu können.
Inzwischen ist es nach 10.00, mehr und mehr Kinder finden sich ein. Sie haben ihre kleinen Stühlchen schon im Halbkreis aufgestellt, löchern uns mit Fragen und und können es kaum erwarten, uns ihr Konzert vorzutragen. Diesmal allerdings bekommen auch Michi und ich eine Panflöte in die Hand, und wir müssen mitspielen. Ein Segen, dass wir nur den leichten Part, bestehend aus 2 Noten, zugewiesen bekommen. Da kann ich gerade noch mithalten, wenn es auch nicht ganz einfach ist, diesen Röhrchen überhaupt einen Ton zu entlocken. Stattdessen sind manche der erwachsenen Mitarbeiter wirklich versierte Musiker, und heizen mit ihren Künsten auf der Violine und der Gitarre ordentlich ein. Wir wollen gar nicht mehr weg. Aber es muss sein. Zum Abschied bekommt Michi einen Poncho geschenkt, jetzt kann er sich nicht länger über die hier herrschende Kälte beschweren. Ebenso wenig lassen sie mich mit leeren Händen weg, ich bekomme einen gewebten Wandbehang überreicht, begleitet von überschwenglichen Worten des Dankes, für unseren Besuch, und für die wichtige Unterstützung von der Kindernothilfe. Abschliessend servieren sie uns zum Aufwärmen, es ist heute wirklich eklig kalt, einen heissen Tee und fritierte Bananen.
Obwohl wir von hier aus bereits das nächste Projekt in Palugsha, auf dem gegenüberliegenden Hügel, erkennen können, ist es bis dorthin über eine Stunde Fahrt, und wir müssen den Buchhalter mitnehmen, damit er uns den nicht leicht zu findenden Weg dorthin zeigen kann. Öffentliche Verkehrsmittel steuern die Ortschaft nur zweimal in der Woche an, und die Strassenqualität ist auch in dieser Gegend ziemlich schlecht.
Seit Oktober 1997 läuft hier die Tagesstätte, die auch die bisher grösste der von uns besuchten Anlagen ist. Es wird gerade an einer neuen Kapelle gebaut, in der alten ist bereits erfolgreich die Käserei untergebracht, wo sie verschiedene Käsesorten und Yoghurt herstellen. Wir sollen nicht nur von beidem kosten, nein, sie wollen jedem von uns auch noch jeweils einen Laib Käse und einen ganzen Topf Joghurt geschenkt. Soviel können wir weder rechtzeitig verzehren noch auf dem Mopped mitnehmen. Es ist zwar nicht ganz leicht, ihnen das klarzumachen, aber schliesslich gelingt es uns doch, die Hälfte wieder zurückzugeben, ohne dafür undankbar zu erscheinen.
Auf unserem weiteren Rundgang lernen wir Pancho kennen, ein riesiger Eber, der zur Zucht dient, heute sich aber zu nichts weiter als einem faulen Grunzen bewegen lässt. Die weiteren Tiere sind momentan woander untergebracht, sie sind erkältet, weil es derzeit im Freien einfach zu alt ist.
Darüberhinaus beteiligen sich die Kinder auch an Arbeiten im Garten, damit sie Kenntnisse in Gartenbau und Kleintierzucht erwerben können. Im Künstleratelier sind gerade ein paar Buben fleissig bei der Arbeit. Alles mögliche lernen sie anzufertigen: sie sägen Puzzles und Spiele aus Holz, aus Klopapierrollen und anderem Müll kleben und basteln sie nett anzusehende Dekoteile, sie bemalen Steine, nähen Beutel aus Kunstleder u.v.m.
Damit nicht genug, sie haben sogar ein eigenes Musikatelier, wo sie ihre Instrumente, die kleinen Panflöten, die sie im Unterricht brauchen, selber schnitzen. Zwei davon, die zum Schlüsselanhänger umfunktioniert wurden, bekommen wir auch noch als Andenken mit.
Eigentlich hätte ein TV-Sender aus Ambato hier erscheinen sollen. Aber während der ganzen Zeit, die wir mit den Kindern hier verbringen, bleibt es ruhig, es kommt keiner. Wer weiss, was passiert ist, schliesslich können wir nicht länger warten, wir fahren weiter zum nächsten und gleichzeitig letzten Projekt in Apatug, ebenfalls in der Provinz Tungurahua. Irgendetwas scheint mit dem Zeitplan nicht zu stimmen, denn hier wartet man schon lange auf uns, das Mittagessen ist längst fertig, und die Kinder haben Hunger. Doch sie müssen sich noch etwas gedulden, erst gibt es noch ein kurzes Freiluftkonzert. Und wir bekommen eines der Armbänder umgebunden, die bereits die Kleinsten zu flechten gelernt haben.
Die allgemeinen Lebensbedingungen sind dieselben wie bisher: wenig Infrastruktur, nur ein Teil der Bevölkerung verfügt über einen Trinkwasser- und einen Stromanschluss. Es gibt kein Abwassersystem und keine Müllabfuhr, was den gelegentlichen Ausbruch von Choleraepidemien und die Verbreitung von Krankheiten begünstigt. Auf dem Land gibt es praktisch keine Arbeitgeber, die Familien besitzen ein mehr oder weniger kleines Stück Land, das sie bestellen und auf dem sie einige Tiere (Kühe, Schweine, Schafe) halten. Von dem Erwirtschafteten und dem gelegentlichen Verkauf eines Tieres muss eine ganze Familie überleben. Das Einkommen einer Familie liegt häufig bei weniger als US$ 30,00 im Monat. Hauptnahrungsmittel sind Kartoffeln, Reis und Getreideprodukte. Nur an besonderen Festtagen gibt es Meerschweinchen- oder anderes Fleisch. Durch die einseitige Ernährung leiden viele Kinder an Unterernährung, und insgesamt ist die Krankheitsanfälligkeit sehr hoch. Eine medizinische Versorgung gibt es nur in Ambato.
Wie in allen anderen Projekten bemüht sich die Kindernothilfe auch hier sehr um eine Verbesserung der Lebensbedingungen und eine Einforderung der Rechte der indigenen Bevölkerung.
Wir nehmen endgültig Abschied von diesen liebenswerten und offenherzigen Menschen, die uns in ihrer Armut dennoch mit soviel Freundschaft, Grosszügigkeit und Wärme begegnet sind, dass ich lieber gar nicht erst anfange, Vergleiche zu ziehen. Ich wünschte mir nur, etwas mehr für diese Leute tun zu können, die wahrlich bessere Verhältnisse verdient haben. In Gedanken versunken fahren wir zurück nach Riobamba. Dort steht uns jetzt nur noch die Organisation der Zugfahrt bevor.
Als erstes suchen wir Sra. Nelly auf. Sie ist schon neugierig, wie es uns ergangen ist, und ist auch zeimlich enttäuscht, dass der TV-Termin nicht geklappt hat. Es stellt sich heraus, dass die beiden letzten Termine versehentlich vertauscht wurden, wir hätten Palugsha erst zuletzt besuchen sollen. Naja, jetzt ist es zu spät. wir können allenfalls noch versuchen, ob wir kurzgristig einen anderen Termin für morgen ausmachen können.
Bezüglich der Zugfahrt weiss sie nichts Neues. Also marschieren Michi und ich gleich ins Büro zu unserem Sr. Marco. Zu unserer Überraschung hat der bereits die Genehmigungen für die Moppeds ausgestellt. Damit müssen wir zum Bahnhofsvorsteher, am besten gleich. Also gut, wieder ans andere Ende der Stadt. Vor Sr. Marco scheinen alle gehörig Respekt zu haben, mit unserem Zettel von ihm ist die Angelegenheit überhaupt kein Problem. Bloss, 'wo sind denn besagte Moppeds?', frägt man uns. Wir sollen sie sofort hierher bringen, vor 18.00, damit sie gewogen und noch heute verladen werden können. Auch das noch!!
Wir haben nur noch eineinhalb Stunden Zeit. Schnell machen wir uns auf den Weg, schauen noch kurz bei Sra. Nelly vorbei, mit der wir uns am Bahnhof verabreden, um die Tickets zu besorgen, und nehmen dann ein Taxi hinaus zur Hostería. In aller Eile trennen wir erst unser Gepäck, machen ein Paket mit den Sachen, die wir schon gerne in Deutschland hätten, das werden wir im Büro der KNH lassen, der nächste Besuch aus Deutschland kann uns das sicher schon mitnehmen. Dann der Tagesrucksack, mit den Dingen, die wir heute, und morgen unterwegs brauchen werden. Was wird das wohl alles sein? Das will wohlüberlegt sein, am Morgen auf dem Zugdach wird es noch ordentlich kalt sein, später wird es sicher richtig heiss.
Was nun noch übrig ist, kommt aufs Mopped. Egal wie, einfach nur drauf. Es bleibt keine Zeit mehr, um alles ordentlich zu verstauen. Hauptsache ist nur, dass nichts zurück bleibt. Und jetzt nichts wie hin zum Bahnhof.
Um 18.05 stehen wir in der kleinen Bahnhofshalle, wo mittlerweile sämtliche Touristen im Ort am Schalter Schlange stehen, und wo wir ziemliches Aufsehen erregen. Aber wir sind zu spät. Die zuständigen Bediensteten haben bereits Feierabend gemacht. Es soll also alle Eile umsonst gewesen sein?!
Nicht ganz, es sind noch die Leute da, die den auf dem Zugdach reisenden Touristen Sitzkissen vermieten. Sie haben dafür eine offizielle Lizenz, und begleiten den Zug auf der gesamten Strecke. Sie kennen sich natürlich aus, und sind sehr hilfsbereit. Violeta kann ich mitsamt Gepäck über Nacht in einem Nebenraum abstellen. Michi lässt nur sein Gepäck hier, das Mopped nimmt er wieder mit, so sind wir wenigstens noch mobil. Das wäre also schon mal geregelt. Bleiben noch die Tickets für uns, und natürlich für die 15 Kinder, die uns begleiten sollen.
Sra. Nelly steht bereits in der Schlange und ist bald an der Reihe. Doch nun stellt sich heraus, dass nicht gewährleistet ist, dass die Kinder rechtzeitig vor Abfahrt des Zuges am Bahnhof erscheinen können. Auch das noch, jetzt am Ende, wo alle anderen Hürden bewältigt sind! Es hilft nichts, am besten ist es, abzuwarten, ob der Bus mit den Kindern es rechtzeitig zum Bahnhof schafft, und die Tickets erst dann zu kaufen. Die Herren der Sitzkissen erklären uns, dass es kein Problem sei, wenn man im Wageninneren mitfahren wolle, dort gäbe es immer genug Platz. Lediglich auf dem Dach würden sich dieTouristen um die begrenzten Plätze schlagen. Wenn wir also oben mitfahren wollen, müssten wir schon um halb sechs am Zug sein, um einen Platz zu bekommen. Oh je, das bedeutet, noch früher aufzustehen als an den letzten beiden Tagen!! Aber die Herren versprechen uns, uns ganz vorne gleich zwei Plätze mit Kissen zu reservieren.
Damit wäre nun endgültig alles geregelt, wir verabschieden uns bis morgen von Sra. Nelly, die auch an den Bahnhof kommen will, und hoffen einfach mal, dass auch die Kinder da sein werden. Unser Paket nimmt sie mit ins Büro. Das Fernsehteam war nicht mehr zu erreichen, demnach gibt es keinen weiteren Termin, Michi und ich können zurück zur Hostería, erst mal wieder Luft holen und entspannen. Wir haben einen harten 12-Stunden-Tag ohne Pause hinter uns. Bis gerade eben waren wir zu beschäftigt, um es zu merken, aber wir sind totmüde.

29.08.2001
Wie besprochen sind wir um halb sechs am Bahnhof und schieben die Moppeds mühsam durch die staunende Menge der sich bereits am Bahnsteig tummelnden Touristen zum Frachtwagen, dessen Dach bereits fast voll ist. Ich hole mir nur noch ne Kleinigkeit zu essen, dann steige ich auch gleich hinauf, damit die für uns reservierten Plätze nicht flöten gehen. Michi wartet unten darauf, die Moppeds in den Wagen verladen zu können. Das geht erst um 6 Uhr, als der Zug zu rangieren beginnt, und der Wagen an den Bahnsteig gefahren wird. Jetzt lassen sich die Moppeds leicht über ein als Rampe dienendes Brett hineinschieben. Nur befestigen lassen sie sich nicht, sie müssen ganz normal auf dem Ständer stehenbleiben. Lediglich mit dem Gepäck kann Michi sie ein wenig verkeilen. Man darf gespannt sein, ob das ausreicht, und ob die Moppeds noch genauso dastehen, wenn wir am Ende in Alausí aussteigen. Bereits jetzt im Bahnhof gibt es jedes Mal einen kräftigen Schlag, wenn ein weiterer Wagen angekoppelt wird.
Noch eine Stunde bis zur Abfahrt des Zuges. Gespannt warten wir jetzt nur noch, ob die Kinder es auch rechtzeitig schaffen. Aber Minute um Minute vergeht, und nichts passiert.
Kurz vor sieben taucht Sra. Nelly auf. Sie hat mir die beiden Kopien der ersten Zeitungsmeldungen mitgebracht. Gleichzeitig hat sie aber auch die traurige Nachricht, dass der Bus mit den Kindern es nicht geschafft hat, rechtzeitig loszufahren. Schade, vor allem, nachdem sonst wirklich alles geregelt war.

Pünktlich setzt sich der keuchende 'Tren mixto', ein gemischter Personenfrachtzug mit starker Diesellok langsam in Bewegung, Richtung Teufelsnase, der ehemals schwierigsten Strecke der Welt. Langsam lassen wir den Bahnhof und den direkt dahinterliegenden, mächtigen Chimborazo hinter uns. Auf dem Dach ist es noch empfindlich kalt, obwohl es mittlerweile immerhin schon hell geworden ist.
Erst geht es zurück nach Süden durch die Anden hoch, vorbei an der Laguna Colta. Den Teil der Strecke kennen wir zwar bereits, von Cuenca her sind wir hier vorbeigekommen, aber vom Dach des Zuges aus haben wir eine wesentlich bessere Perspektive.
Noch bevor wir das lausig kalte Guamote erreichen, werden wir zu einer unfreiwilligen Pause gezwungen, weil der Zug vor uns entgleist ist. Aber alle sehen das ganz gelassen, man scheint mit solchen Pannen vertraut zu sein. Es dauert auch keine halbe Stunde, bis der Wagen mithilfe von Keilen wieder in seine Position aufs Gleis geschafft ist, und die Fahrt weitergehen kann.
Der Zwischenstopp in Guamote wird entsprechend verkürzt, und bereits nach einer halben Stunde geht es weiter, und etwas südlich kreuzen wir den äusserst sandigen Höhenrücken der Halbwüste von Tiocajas.
Als wir wenig später durch die Schlucht des Río Pomachaca schlängeln, beginnen wir langsam, uns ein Bild von der kühnen Streckenführung zu machen. Jetzt in der Trockenzeit scheint der Fluss zwar ein unbedeutendes, kleines Rinnsal, aber in der Regenzeit können von den herabstürzenden Wassermassen schon mal auf mehrere Kilometer die Gleise mitgerissen werden.
Gegen Mittag erreichen wir Alausí. Es ist mächtig heiss geworden, obwohl es am Morgen noch lange eher nach Regen ausgesehen hatte. Die dicken Jacken werden gegen Sonnenhut und -brille ausgetauscht.
Ab hier wird's richtig spannend, es beginnt der spektakuläre Abstieg hinunter in die Küstenebene. Wir blicken vom Dach hinab direkt an der senkrechten Felswand entlang in die tiefe Schlucht des Río Chanchan. Immer wieder muss ich an die Kinder denken, auch für sie wäre dies sicher ein unvergessliches Erlebnis gewesen. Wie schade, dass sie nicht dabei sein können.
An der berüchtigten Nariz del Diablo (Teufelsnase) schaukelt der Zug im Zickzack vor und zurück, bis er wenige Minuten später durch das enge Tal am Fluss entlang weiterfährt und schliesslich den ehemaligen Bahnhof von Sibambe erreicht. Einstmals lediglich ein weiterer Bahnhof auf dem Weg nach Guayaquil, ist er heute Endstation. Das vor ein paar Jahren hier wütende Klimaphänomen 'El Nino' hat die weiterführende Strecke zerstört. Der Zug macht hier kehrt, die Wagen werden umsortiert, damit sie in derselben Reihenfolge wie bisher hinter der Lok stehen, dann geht es dieselbe Strecke wieder zurück.
In Alausí steigen Michi und ich aus. Die Moppeds stehen tatsächlich noch genauso da, wie sie abgestellt wurden, die ganzen Schläge haben sie nicht umwerfen können. Und es ist auch kein Problem, sie wieder über ein Brett auf den Bahnsteig zu rollen, wir brauchen dazu nicht mal fremde Hilfe. Gefolgt von den neugierigen Blicken sowohl der Einheimischen als auch der Reisenden, laden wir unser Gepäck wieder auf. Ursprünglich hatten wir vor, gleich weiterzufahren nach Guayaquil, aber inzwischen haben wir beschlossen, hier zu übernachten, und machen uns daher auf die Suche nach einer Unterkunft. Wenig später beziehen wir unser Zimmer in der einfachen, aber gemütlichen Residencial David.


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