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unterwegs in




vom 23. Februar 2001

am Strand von Riohacha

in Taganga

fangfrischer Fisch zu Mittag

die Cienaga Grande

Cartagena

neues Zuhause mit Blick aufs Meer

das Lokal

der krönende Abschluss

Abschied von Violeta

Hier auf kolumbianischer Seite bekomme ich erneut ein Visum für 60 Tage. Wegen des Papiers fürs Mopped werde ich gegenüber zur DIAN geschickt. Hier jedoch teilt man mir mit, dass der zuständige Beamte erst später käme und ich solange warten müsse. Auf meine Frage, wann denn mit ihm zu rechnen sei, bekomme ich keine klare Antwort, er müsse bald da sein, heisst es lediglich. Das kann also noch dauern.
Wenig später stellt sich heraus, dass dieser Beamte am Wochenende eigentlich gar nicht arbeitet. Aber man wolle ihn per Handy verständigen. Nur, das einzig verfügbare Handy hat derzeit kein Guthaben mehr, und müsste erst wieder geladen werden. Ganz toll! Ich warte eine weitere halbe Stunde, ohne genau zu wissen worauf eigentlich.
Na gut, ich nutze die Zeit und schmiere mal wieder die Kette. Ausserdem schaue ich nach dem Öl. Oha, der Stand ist schon wieder zu niedrig. So ein Mist, daran hätte ich mal etwas früher denken sollen, beim Nachbarn Venezuela ist das Öl spottbillig. Was soll's, zu spät.
Der Beamte ist immer noch nicht da, und zum Zeitvertreib teste ich noch einmal den Magneten. Und siehe da, auf einmal akzeptiert ihn der Sensor wieder. Wirklich eigenartig. Das soll noch einer verstehen! Anyway, natürlich befestige ich ihn gleich wieder, um künftig wieder konkrete Angaben zu bekommen.
Das einzige, was mir jetzt noch einfällt, ist, meine Uhr wieder eine Stunde auf kolumbianische Zeit zurückzustellen. Demnach ist es gerade mal 10.00, der Beamte ist allerdings nach inzwischen über 1,5 Stunden immer noch nicht hier, und ich beschliesse, dann halt ohne jenes Papier einzureisen.
Bis Riohacha sind es noch 90 km. Der Tacho kann dies aber leider nicht bestätigen, da er wieder nur völlig wirre Werte von sich gibt. Das muss an der Hitze liegen.
Da es noch nicht mal Mittag ist, überlege ich, ob ich nicht gleich heute noch bis ins 200 km entfernte Santa Marta fahren soll. Doch als ich, müde und von der Hitze doch schon etwas geschwächt, nach Riohacha komme, über die Strandpromenade fahre und das bunte, entspannte Treiben hier beobachte, beschliesse ich, dass ich mir diesen Zwischenstopp durchaus verdient habe. Ich werde heute hierbleiben.
Es ist nicht ganz einfach, eine Unterkunft zu finden. Riohacha ist zwar nur eine beschauliche Kleinstadt, aber umso schneller füllt sie sich am Wochenende mit Leben. Also dauert es eine Weile, bis ich ein Hotel für mich gefunden habe. Dorthin gilt es nun lediglich noch, mit Violeta 2 Stufen zu überwinden. Normalerweise wäre das kein Problem, aber inzwischen bin ich mit meinen Kräften doch ziemlich am Ende. Ich habe die letzten beiden Nächte schlecht geschlafen, bin heute seit dem Morgengrauen unterwegs, es ist siedend heiss und ich habe weder etwas gegessen noch getrunken. Das zehrt doch ganz ordentlich. So scheitert der erste Versuch damit, dass mir nach der ersten Stufe der Motor ausgeht. Schon allein das Ankicken verlangt mir fast alles ab, und beim zweiten Anlauf hab ich nicht mehr die Kraft, Violetas Gewicht abzufangen, als sie leichte Schräglage bekommt. Sie kippt um. Zum Glück habe ich reichlich Zuschauer, die mir dabei helfen, sie schnell wieder aufzurichten und sie schliesslich bis zum Hoteleingang zu schieben.
Nach einer Flasche Sprudel und einer lauwarmen Dusche -kaltes Wasser gibt es hier nicht-, verschlafe ich den ganzen Nachmittag. Ich wage mich erst wieder hinaus, als die Temperaturen gegen Abend erträglicher werden. Nun bin ich natürlich neugierig, was es in Kolumbien Neues gibt, seit ich es vor ca. 5 Wochen verlassen habe. Und in der Tat gibt es einiges zu berichten, wenngleich nicht eben Erfreuliches oder Beruhigendes. Die Friedensgespräche zwischen Guerrilla und Regierung wurden seitens der Regierung abgebrochen, weil die FARC vor ein paar Tagen ein Senatsmitglied und eine Präsidentschaftskandidatin entführt haben. Diese wollen sie gegen inhaftierte Guerrilleros eintauschen, worauf sich die Regierung jedoch nicht einlassen will. Vielmehr will man versuchen, die Geiseln gewaltsam zu befreien. Für mich bedeutet das, dass fast landesweit mit verstärkten Terrorakten der Guerrilla zu rechnen ist, und vor allem die Rückfahrt nach Bogota nicht ganz ungefährlich sein kann.
Dazu will ich mir jedoch erst Gedanken machen, wenn es soweit ist. Wer weiss, was bis dahin sonst noch alles passiert. Jetzt jedenfalls ist erstmal Samstag, und ich könnte endlich mal wieder richtig ausgehen am Abend. Ich wohne mitten im Zentrum des Geschehens, habe die Musik direkt unter mir, lautstark dröhnt sie bis ins Zimmer hoch und macht richtig Laune. Doch irgendwie scheint mir in letzter Zeit kein nächtliches Vergnügen mehr vergönnt zu sein. Die Hitze der letzten Tage macht nun scheinbar mir selber mehr zu schaffen als Violeta, denn ich fühle mich hundeelend. Am ganzen Körper reagiert die Haut empfindlich und schmerzhaft auf jeden geringsten Hauch, und darunter spüre ich jeden einzelnen Knochen. Jeder Versuch, mich aus dem Bett zu erheben, scheitert kläglich. Bis nach 3.00 lockt die Musik, doch ich muss leider passen.

So., 24.02.2002
Ich beschliesse, heute auch noch hierzubleiben, schlafe gründlich aus und erhole mich. Es geht mir wieder besser, als ich fast schon gegen Mittag in der Bäckerei um die Ecke gemütlich und in aller Ruhe frühstücke. Danach gehe ich an den Strand, der zu dieser Tageszeit natürlich schon rappelvoll ist. Zum Glück gibt es genug Palmen, sodass ich trotzdem noch einen netten Platz im Schatten finde, von wo aus ich das ausgelassene Treiben um mich herum verfolgen kann. Ich beobachte nicht nur, wie die Verkäuferinnen in ihren langen, luftigen Kleidern, die eigentlich mehr wie Nachthemden aussehen, alles mögliche an kaltem und warmem Essen anbieten, das sie in riesigen Schüsseln auf dem Kopf balancieren, oder in Töpfen, die sie auf einem kleinen, primitiven Kocher tragen, sondern auch wie die Leute fröhlich im Sand zu den karibischen Klängen tanzen. Nur schade, dass Francisco nicht auch hier sein kann.

Mo., 25.02.2002
Schon beim Aufstehen spüre ich, dass heute nicht mein Tag ist. Ich bin schlecht drauf und fühle mich entsprechend unwohl.
So ist es kein Wunder, dass ich gleich als erstes schon Ärger im I-Cafe habe. Der PC stürzt zweimal ab und ich verliere jede Menge Zeit, die ich nicht bereit bin, zu bezahlen. Damit ist die Geschäftsführerin natürlich nicht einverstanden. Dennoch gebe ich ihr nach einer kurzen Diskussion lediglich das Geld, das ihr meiner Meinung nach zusteht, beachte ihr Gezeter nicht weiter und verlasse wütend das Lokal.
Als nächstes ist mal wieder der Vorderreifen platt. Immerhin merke ich es noch, bevor ich losfahre. Trotzdem, eigentlich wollte ich früh hier wegkommen. Stattdessen mache ich mich an die Arbeit: Rad ausbauen, per Taxi zur Llanteria und wieder zurück, Rad wieder einbauen. Inzwischen bin ich ja darin geübt, ich weiss, wie es geht und worauf ich zu achten habe. Somit geht diesmal auch nichts schief. Der Bursche aus dem Hotel assistiert mir und hilft auch noch, das gesamte Gepäck aufzuladen.
Viel später als geplant kann ich nun endlich losfahren. Doch, was ist denn nun schon wieder im Arsch?! Ein seltsames, hohl schepperndes Geräusch beunruhigt mich und lässt mich schnell wieder anhalten. Zu sehen ist nichts. Ich lade das Gepäck ab und drehe eine Runde. Nichts, kein Geräusch stört mehr. War also nur das Gepäck schlecht aufgeladen. Wie nervig!! Bis ich endlich aus der Stadt komme, ist es bereits Mittag.
Wenigstens die Fahrt verläuft problemlos. Aber ich fahre lustlos dahin, warte nur darauf, endlich anzukommen. Der Tacho spinnt immer noch. Ausserdem ist es bewölkt und fast zu kalt, um nur im T-Shirt zu fahren.
Erst als ich 2 Stunden später Santa Marta erreiche, wird es schlagartig wieder heiss. Violetas Temperatur steigt wieder bedenklich. Daher halte ich mich gar nicht lange auf in der Stadt, auf deren lautes Chaos ich sowieso keine Lust habe, und fahre noch weiter die 5 km bis Rodadero, dem angeblichen Ferienparadies.
Der Anblick auf die unzähligen Betontürme, die die Bucht verstopfen, lässt mich jedoch bald wieder umkehren. Da bleibe ich dann doch lieber in der Stadt, und suche mir hier ein gemütliches Hotel an der Strandpromenade und mit Blick aufs Meer.
Das Hotel habe ich zwar schnell gefunden, doch die Freude darüber ist nur von kurzer Dauer. Das Innere hält nämlich nicht, was die Fassade verspricht. Die Zimmer haben keine Fenster und erinnern mehr an eine Besenkammer oder eine Gefängniszelle. Ich habe noch nicht einmal Stromanschluss. Kann mich gar nicht erinnern, wann ich zuletzt mit einem solchen Loch vorlieb nehmen musste. Mir ist zum Heulen. Ich habe keine Lust mehr. Auf gar nichts.

Di., 26.02.2002
Ein Rundgang durchs Zentrum ergibt, dass die Stadt nicht viel hergibt. Die engen Strassen sind wie immer verstopft, laut und chaotisch, und schlagen einen vielmehr in die Flucht als dass sie zum Verweilen einladen. Einzig angenehmer Kontrast dazu ist die breite Strandpromenade, an der ich fast den ganzen Nachmittag verbringe und die Zeit totschlage.
Heute noch in den Nationalpark Tayrona mit seinen angeblich einsamen Buchten und paradiesischen Sandstränden zu fahren, macht jetzt keinen Sinn mehr. Ausserdem würde ich vermutlich sowieso nur wieder bedauern, alleine dort zu sein. Das erspare ich mir dann doch lieber.

Mi., 27.02.2002
Eine kurze Ausfahrt -endlich mal wieder ohne grosses Gepäck, und nur in T-Shirt und Shorts- führt mich ins benachbarte Fischerdorf Taganga. Ich stelle Violeta im Schatten unter einem der riesigen Bäume ab, und lasse mich von einem der Fischer mit seinem Boot in die nächste Bucht zur Playa Grande fahren.
Ich verabrede mit ihm, mich um 16.00 wieder abzuholen. Und bei einer der Köchinnen, die hier am Strand ihr kleines Restaurant haben, bestelle ich mir für 15.30 einen Fisch, den ich mir noch selber aussuchen kann. Bis dahin verbringe ich einen ruhigen Nachmittag am Strand, der jetzt unter der Woche kaum besucht ist. Damit es nicht zu langweilig wird, habe ich mir in der Stadt extra noch 2 neue CDs besorgt, da ich die 4 anderen, die ich dabei habe, schon in- und auswendig kenne und schon bald nicht mehr hören kann.
Als ich am Abend auf einen Sprung ins I-Cafe schaue, um Franciscos tägliche email abzuholen, finde ich auch eine Nachricht von Rolando. Er hat ein I-Cafe in Cartagena, meinem nächsten und letzten Etappenziel, bevor es nach Bogota zurückgehen soll, und schon seit längerer Zeit haben wir virtuellen Kontakt. Er wollte zwar eigentlich selbst auch ursprünglich bereits Ende Januar auf Motorradreise gehen, aber er ist immer noch nicht aufgebrochen, und lädt mich nun in seine Wohnung ein. Fein, das trifft sich gut, denn ich habe mir vorgenommen, es mir in Cartagena noch ein letztes Mal richtig gutgehen zu lassen.

Do., 28.02.2002
Diesmal kommt nichts weiter dazwischen und ich kann um 9.30 planmässig losfahren. Selbst der Tacho zeigt recht realistische Werte an, zumindest solange ich nicht schneller als 75 km/h fahre. Sobald es darüber hinaus geht, schlägt er völlig wirr in beide Extreme, nach oben und nach unten aus. Und dass Violetas Temperatur etwas ansteigt, ist bei dieser Hitze sicher normal.
Durch den Bau der Schnellstrasse über die schmale Landzunge, die die Lagune der Cienaga Grande, dem grössten Naturschutzgebiet an der Karibikküste, vom offenen Meer abtrennt, wurde das biologische Gleichgewicht zerstört. Ganze Mangrovenwälder sind abgestorben und es ragen nur noch die Baumstümpfe aus dem Wasser heraus. Hässlich anzusehen, und schade um die ehemals sicher herrliche Landschaft.
Auf halbem Weg geht es noch an Barranquilla vorbei, und gegen 14.00 erreiche ich Cartagena (s. Link).
Bei der Einfahrt wirkt die Stadt nicht anders als alle anderen, laut, chaotisch, heiss, schmutzig... Bis ich das Zentrum erreiche. Hier muss ich Violeta an einer der Einfahrten durch die fetten Wallmauern, welche die Altstadt komplett umgeben, stehenlassen. Das Zentrum ist für jeglichen Autoverkehr gesperrt. Von hier aus ist es jedoch nicht mehr weit, und durch eine der schmalen Gassen komme ich zur Plaza Santo Domingo, wo Rolando sein Cafe (s. Link) hat.
Rolando sitzt am PC, empfängt mich überschwenglich und stellt mich Adolfo vor, einem Venezolaner, der auch gerade für ein paar Tage in der Stadt ist. Eine gute Stunde vergeht beim Austausch erster Erzählungen und der letzten Neuigkeiten. So erfahre ich, dass ich gerade rechtzeitig zur morgigen Eröffnung des alljährlichen Filmfestivals angekommen bin.
Schliesslich bringt Rolando mich zu seiner Wohnung, nur einen Strassenblock weiter. Vom Balkon aus hat man einen herrlichen Blick über das beschauliche Treiben in den Gassen. Nach einer erfrischenden Dusche ruhe ich mich hier erstmal aus, bevor ich mich selbst wieder ins bunte Treiben begebe.
Kaum trete ich durchs Haustor auf die Strasse, begegne ich schon wieder Adolfo. Er zeigt mir, wo es günstiges Essen gibt und wo man die Wäsche waschen lassen kann. Durch die Abendkühle schlendern wir zurück zur Plaza und zu Rolando, der uns an einem seiner Tische im Freien noch zu einer Pizza einlädt. Nachdem Adolfo sich verabschiedet hat, bleiben Rolando und ich noch bis nach 23.00 hier draussen sitzen, und unterhalten uns über seine bevorstehende Reise (s. Link), über meine vergangene und was mir die Zukunft nun wohl für Möglichkeiten bietet.

Fr., 01.03.2002
Während Rolando kurz nach 9.00 die Schlösser an den Gittern zum Cafe öffnet, begebe ich mich auf Stadtbesichtigung. Und endlich treffe ich auf das, was ich bisher vermisst habe, ein aus vergangenen Zeiten bewahrtes Stadtbild voll eigenen Charakters, voller Häuser und Gebäude, die einem im Vorbeigehen die Geschichte jener Spanier zu erzählen scheinen, die einstmals das Weltreich der nicht untergehenden Sonne schufen.
Die alten Wälle, die die historische Innenstadt umgeben und die Stadt einst gegen Seeräuber und Piraten wie Francis Drake schützten, sind zwar nicht sehr hoch, aber gewaltig breit, und aus mächtigen, silbergrauen Korallenblöcken gefügt. Auf ihren Plattformen ist die Zementierung immer noch so fest, dass keinerlei Vegetation sich ihrer wieder bemächtigen konnte. Ab und zu schaut man durch Öffnungen in die grossen dunklen Behälter hinab, die das auf die Mauern fallende Regenwasser für Zeiten der Belagerung sammelten. Anderswo wurden die Wälle mit weitläufigen Gefängnissen unterkellert. Der Blick in die finsteren, feuchten Hallen lässt einen unwillkürlich und mit Schaudern an die düsteren Schicksale jener denken, die hier ihre letzten, verzweifelten Tage verbringen mussten.
Heute jedoch ist es eine Wohltat, auf ihnen dahinzuwandern, oder auf ihren Brüstungen zu sitzen, umgeben von der frischen Brise, die ständig vom Meer her weht und für angenehme Abkühlung sorgt.
Doch noch viel schöner ist der Kern im Innern dieser Mauern. Die Strassen sind eng, aber malerisch, und gesäumt von palazzoartigen Häusern, deren typisch koloniale, bunte Fassaden, ihre hölzernen Balkone, die grossen Torwege und die schweren alten Türen ihnen diesen besonderen, vornehmen Anstrich verleihen. Durch diese Tore blickt man hinein in geräumige, von Gittern abgeschlossene und von erfrischend kühlen Galerien umgebene Innenhöfe, in denen zwischen riesenblättrigen Büschen das Wasser in einem Brunnen plätschert.
Und am Abend taucht die Sonne in das grenzenlose Weltmeer, welches die Stadt von drei Seiten umgibt. Unablässig wandern die Wogen auf den Fuss der Mauern zu, wie sie es seit Jahrhunderten in immergleichem Rhythmus getan haben.
Es ist bereits später Nachmittag, als ich schliesslich von der karibischen Hitze erschöpft ins Cafe zu Rolando zurückkehre. Er berichtet, dass er Einladungen bekommen hat für die Eröffnungsfeier des Filmfestivals. Pünktlich um 20.00 sind wir im Centro de Convenciones, wo nach schier nicht enden wollenden Reden endlich der kolumbianische Film Bolivar soy yo gezeigt wird. Es geht um einen Schauspieler, der in einer TV-Serie die historische Figur des Befreiers Simon Bolivar darstellt. Er ist mit dem Regiebuch und seinem in der Serie vorgesehenen Tod nicht einverstanden, und versetzt sich so sehr in die Rolle, dass er nahezu eine Identitätskrise erleidet, sich schliesslich selbst für Bolivar hält und die reale Geschichte ändern will. Trotz der tiefen Aussage mangelt es nicht an Humor. Der Film passt richtig gut zur Kulisse dieser Stadt und könnte diesen Tag voll neuer Eindrücke kaum besser abschliessen.

Sa., 02.03.2002
Ich erkunde weiter die Stadt, die noch viel mehr zu bieten hat. Von der monumentalen Festung San Felipe aus, für deren Besichtigung allein man bereits fast 3 Stunden braucht, wird man mit einem herrlichen Blick über die Bucht von Cartagena belohnt. Auch das Convento de la Popa, anfangs des 17. Jahrhundert von einem augustinischen Bettelmönch gegründet, bietet vom 150 m hohen Hügel aus einen imposanten Ausblick über die Stadt mit ihren Hafen- und Befestigungsanlagen. Von hier aus lässt sich leicht nachempfinden, welche strategische Bedeutung die Stadt wohl einst besessen hat.
Eine ganz andere Welt findet man auf der schmalen, 3 km langen aber nur wenige 100 m breiten Landzunge Bocagrande. Sie ist dicht bebaut mit modernen Hotels, Restaurants und Diskotheken, und am langen Strand tummeln sich die zahllosen Touristen. Ein weiteres beliebtes Ausflugsziel ist das Fischerdorf La Boquilla am Stadtrand. Hier kann man nicht nur tauchen, schwimmen und guten Fisch essen, sondern auch Bootstouren durch die sumpfige Mangrovenlandschaft unternehmen. Ebenfalls per Boot gelangt man zu den Islas del Rosario, vorgelagerte Koralleninseln mit klarem, türkisfarbenem Wasser, das zum Baden und Schnorcheln einlädt.
All das macht Cartagena zur Touristenhochburg von Kolumbien, und gibt ihr eine einzigartige Stellung. Hier ist das Leben offener und ungezwungener, die Atmosphäre ist gelöster und internationaler als in jeder anderen Stadt des Landes. Und je länger ich durch die Gassen streife, umso mehr fasziniert mich dieses besondere Flair dieser Stadt, und umso mehr wächst das Bedürfnis, für immer hier bleiben zu können.
Jetzt, wo sich die Reise unweigerlich ihrem Ende zuneigt, sollte ich mir auch langsam darüber klar werden, was ich mit meiner Zukunft anfangen möchte. Der Gedanke beschäftigt mich bereits seit einiger Zeit, ohne jedoch eine Antwort zu finden. Ein guter Platz, um sich inspirieren zu lassen ist die Plaza Bolivar. Auf einer Parkbank im Schatten der hohen Palmen lasse ich das vergangene Jahr Revue passieren, und es beginnt eine Idee zu reifen.
Doch vorerst werde ich von Adolfo unterbrochen, der mich am Abend zum Tanzen einlädt. Auch das Nachtleben von Cartagena kann sich sehen lassen, und bis spät in die Nacht tanzen wir zu Salsa-Rhythmen im Quiebra Canto.

So., 03.03.2002
Nachdem ich erst im Morgengrauen ins Bett gekommen bin, würde ich eigentlich gerne den Vormittag verschlafen. Doch ich finde keine Ruhe, zu sehr beschäftigt mich diese Idee, die immer mehr Gestalt annimmt, bis ich auf einmal ganz genau weiss, was ich machen will. Und ich bin mir dessen ebenso sicher wie damals, als ich beschloss, diese Reise durch Südamerika zu machen, die mich am Ende genau hierher führte, nach Cartagena.
Nun, da endlich das langgesuchte Licht ins Dunkel kam und ich ein neues, lohnendes Ziel vor Augen habe, halte ich es nicht länger aus im Bett. Neu motiviert mache ich mich sofort an die Arbeit, denn es gibt jede Menge zu tun. Somit ist die Reise zwar im Grunde zu Ende, andererseits aber lediglich als Anfang dessen zu betrachten, was es hoffentlich schon bald hier zu sehen gibt.


Nachtrag am Mi., 10.04.2002
Ich habe diese Nacht kaum ein Auge zugemacht, und der Morgen erwartet mich schon früh mit strahlendem Sonnenschein, wo es sonst gewöhnlich erst viel später aufklart. Ich will versuchen, dies als positives Zeichen dafür zu werten, dass es ein guter Tag sein wird, und dass es nach den letzten Tagen der Ungewissheit ab heute wieder aufwärts geht.
Denn es kommt doch immer wieder anders als man denkt, und plant. Es war wohl zu schön, um wahr sein zu können. Und blind vor Begeisterung war ich wohl nicht in der Lage, zu sehen, was eigentlich auf der Hand lag. Bis nun gestern die Seifenblase geplatzt ist, und ich mit einem ernüchternden Schlag in die Realität zurückgeholt wurde: ich hab mich mächtig getäuscht in dem Menschen, mit dem ich gedachte, hier in Cartagena eine gemeinsame Zukunft aufbauen zu können.
Francisco, der nun bereits seit 3 Wochen auch hier war, und mit dem zusammen ich eine Wohnung gemietet habe, ist von einer 2-tägig geplanten Reise nach Bogotá nicht wieder zurückgekehrt. Er sollte dort seinen Anteil an der Hinterlassenschaft seines vor einem Jahr verstorbenen Vaters in Empfang nehmen. Mit den co$ 600.000,- (Steueranteil, den jeder Erbe erstmal zu zahlen hat), die ich ihm von meinen mittlerweile spärlichen Rücklagen ausgelegt hatte, hat er sich nun wohl vermutlich zurück nach Quito/Ecuador abgesetzt, wo ich ihn ja ursprünglich kennengelernt hatte.
Davon erfahren habe ich gestern, als er mir in einer knappen mail zukommen liess, dass man ihn umgebracht hätte!
Tja, und somit wird nun nichts aus dem, was ich für meine Zukunft hielt, dem so schön geplanten und bereits bis zur Unterschrift des Mietvertrages für das Lokal und bis zu den fertig ausgefüllten Formularen zur Einschreibung bei der Handelskammer vorbereiteten I-Cafe 'IguanaNet'. Schade drum!!
Was ich stattdessen tun werde, bin ich momentan noch nicht in der Lage zu entscheiden. Fest steht nur, dass die Reise nun doch endgültig zu Ende ist. Doch erstmal bin ich noch zu geschockt, und beschäftigt genug damit, über den bitteren Verlust hinwegzukommen. Viel Zeit bleibt mir allerdings nicht, denn mein Visum für Kolumbien gilt noch bis zum 20.04., wenn ich nicht auch noch co$ 50.000,- für eine Verlängerung ausgeben möchte.

Nachtrag am 01.09.2005
Unter jesa339 erreicht Ihr die aktuelle Website, falls Euch interessiert, was denn wohl aus mir geworden ist und was ich heut so treibe.


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Fin


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